Windelband, Wilhelm
Kuno Fischer und sein Kant: Festschrift der "Kantstudien" zum 50. Doctorjubiläum — Hamburg , Leipzig, 1897

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Vorwort.

Die Geschichte der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Kant zer
fällt in drei deutlich von einander unterschiedene Perioden. Die erste
läuft vom Erscheinen der „Kritik der reinen Vernunft" bis zum Ende
des 18. Jahrhunderts, ein Ende, das so ziemlich mit dem Aufhören der
wissenschaftlichen Thätigkeit Kants selbst zusammenfällt. In dieser ersten
Periode handelt es sich um die unmittelbaren Anhänger und Gegner der
neuen Lehre; die älteren Richtungen bekämpften die neue Lehre mit eben
derselben Einseitigkeit, mit der die Anhänger dieselbe annahmen. Aber
schon machen sich einzelne Versuche geltend, vom Standpunkt der neuen
Lehre selbst aus über dieselbe hinauszugehen zu neuen Bildungen.

Die zweite Periode der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Kant
beginnt mit dem Anfang des 19. Jahrhunderts und läuft etwa bis zum
Jahre 1860. In der ersten Hälfte dieser Periode spriessen die grossen
neuen Systeme auf, deren Wurzeln teilweise noch in die 90 er Jahre des
vorigen Jahrhunderts hineinreichen. Nie gab es in der Geschichte der
Kultur eine Periode, in welcher in so kurzer Spanne Zeit so viel neue
grosse und tiefe Gedanken der Menschen über Welt und Leben zum Vor-
schein gekommen wären. Aber der Blüte folgte ungemein rasch der
Zerfall. Die Systeme reiben sich in gegenseitigem Kampfe auf und der
Materialismus tritt ihr Erbe an. Die Beschäftigung mit Kant war immer-
mehr auf ein Minimum herabgesunken. Man glaubte weit über ihn hinaus
zu sein: man war in Wirklichkeit weit hinter ihn zurückgekommen.

Mit dem Jahre 1860 beginnt die Wendung, die Umkehr: die dritte
Periode der Beschäftigung mit Kant. Wodurch wurde sie herbeigeführt?
Verschiedene Ursachen wirkten dazu zusammen, äussere und innere, wie
dies ja so bei allem Werden zu gehen pflegt: die Selbstbesinnung der
Philosophie selbst auf ihren Ausgangspunkt, das Bedürfnis denkender
Naturforscher nach philosophischer Begründung und Begrenzung ihrer
Erkenntnis, der unermüdliche Hinweis des damals gerade aus seiner
Verborgenheit auftauchenden und nun vielgelesenen Schopenhauer auf
Kant u. s. w. Aber dies allein hätte schwerlich die intensiv und extensiv
so ungeheure Beschäftigung mit Kant hervorgerufen, wenn nicht gerade
um diese Zeit, wie gerufen, der Mann aufgestanden wäre, dem diese Fest-
schrift gewidmet ist, Kuno Fischer.

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