Windelband, Wilhelm
Kuno Fischer und sein Kant: Festschrift der "Kantstudien" zum 50. Doctorjubiläum — Hamburg , Leipzig, 1897

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Annan g.

i.

Glückwunschschreiben der Philosophischen Pacultät
der Universität Halle.

Hoch verehrter Herr Kollege,

Hochzuverehrender Herr Wirklicher Geheiinrat!

Ew. Excellenz an dem Ehrentage Ihres Doktorjubiläums zu beglück-
wünschen hat die unterzeichnete philosophische Fakultät vorzugsweise die
Pflicht und das Recht. Wir sind stolz darauf, dass wir Sie unseren Doktor
nennen dürfen und dass Sie unter den Auspizien unserer Fridericiana die
glänzende gelehrte Laufbahn begonnen haben, auf welche Sie heute nach
einem halben Jahrhundert zurückblicken.

Berührt von der Richtung der philosophischen Studien, welche in
den vierziger Jahren auf dem Hallischen Katheder herrschte, sind Sie
derselben ein langes Leben hindurch treu geblieben, um sie eigenartig
weiterzubilden. Denn wenn es die besten Geister unserer klassischen Poesie
waren, die, verbunden mit dem Gedanken geschichtlicher Entwickelung,
in dem Hegeischen System ihre begriffliche Formulierung fanden, so haben
Sie, bestimmter als irgend ein Andrer, sowohl jenen ästhetischen wie diesen
historischen Zug festzuhalten und zu vertiefen verstanden. Indem Sie in
erster Linie die Geschichte der Hauptsysteme der neueren Philosophie,
daneben aber die Darstellung einzelner Epochen unsrer nationalen Lit-
teratur und die Entwickelung des Ideengehalts der Meisterwerke unsrer
Dichterheroen zu Ihrer Aufgabe gemacht haben, so spiegelt sich darin
jene rege Wechselbeziehung zwischen der Gedankenarbeit und dem dich-
terischen Schaffen, aus der die vornehme Bildung des zu Ende gehenden
18. und des beginnenden 19. Jahrhunderts entsprang. Eben damit aber
haben Sie die idealen Motive des Hegeischen Systems zum zweiten Mal
lebendig gemacht. Sie haben die teilweise Schwerfälligkeit der Sprache
dieser Philosophie durch freie und geistvolle, dem gebildeten Verständnis
entgegenkommende Beredtsamkeit überwunden und zugleich das logisch
verständige Moment ihrer biegsamen Dialektik aufs schärfste hervor-
gehoben und zu voller Wirkung gesteigert. Statt mit äusserlich meistern-
der Beurteilung an die fremden Gedankenbildungen heranzutreten, sind
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