Witting, Felix
Die Anfänge christlicher Architektur: Gedanken über Wesen und Entstehung der christlichen Basilika — Zur Kunstgeschichte des Auslandes, Band 10: Straßburg: Heitz, 1902

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ist klar: Sinnliche Werte sind Christus vor allem, fast allein die
Lautgebärde, das Wort, und die sonstige Mimik seines eigenen Körpers.1
Zunächst bleiben die Mittel, mit denen er der Welt seine Gefühle
verkündet, an seinem Körper haften. Erst am Schluss seiner Laufbahn
schafft er in dem Abendmahl ein sinnlich fixiertes Symbolum, das
losgelöst vom menschlichen Körper wie der Anfang einer ersten Ob-
jektivierung seiner Lehre sich ausnimmt. Hier liegen jedenfalls die
Anfänge sinnlicher Geschehnisse, die nicht übersehen werden dürfen,
wenn es sich um ästhetische Aeusserungen christlichen Geistes handelt,
vor allem auch um architektonisches Schaffen.
Auf diesem Gebiet muss zunächst nun folgende Beobachtung mass-
gebend sein: die Bekenner der neuen Lehre versammeln sich anfangs
nicht in eigens erbauten Kidträumen, sondern finden sich, wenn nicht
unter freiem Himmel, in der jüdischen Synagoge, im Privathause
oder sonstwo \usammen, d. h. in Anlagen, welche gan\ differenten
Zwecken dienen. Man sollte nun nicht hieraus folgern:
Also hat sich das christliche Ku ltgebäu de aus einer
dieser Anlagen entwickelt, sondern sagen: Was hier
auf Seiten der Christen \u Tage tritt, ist ein
architektonischer I n d i ff er ent i sm u s. Man sucht Zuflucht
und Schilt^ wo man ihn findet, eine Neigung {u eigener architek-
tonischer Thätigkeit ist nicht vorhanden. Noch sind die Erlebnisse
so innerlicher Natur, dass man sich von selbst gegen die Welt abge-
schlossen fühlt. Erst gan\ allmählich entwickelt sich das Bedürfnis
nach fixierten Werken, nach baulichen Schöpfungen. Man denkt nun
gern die Christen in dem Moment, wo dieses eintrat, ratlos und lässt
sie ein bestehendes, leidlich passendes Architekturschema übernehmen.
Es ist das eine Annahme lediglich,für die man den Beweis noch nicht
erbracht. Dass sie unhaltbar, dafüt' sucht der Verfasser im Folgenden
die Belege pt bieten. Es erscheint bei der angedeuteten Entwicklung
von vornherein vielmehr ebenso wahrscheinlich wie begreiflich, dass,
wo ptvor nichts war, der primitivste sinnliche Wert Bedeutung erhält,
man nicht nach dem im Einzelnen Reichen trachtet, sondern das Ein-
fache schon als wirkungsvoll empfindet, dass es sich mit andern Worten
um ein Schaffen handelt, das nicht eine äusserliche Metamorphose
überlieferter Werke im Kleinen vornimmt, sondern tiefer greift, auf
Elementares hinaus will.

1 Feste Fassung seines Daseins lag ihm fern : des Menschen Sohn hat nicht,
da er sein Haupt hinlegte.
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