Witting, Felix
Die Anfänge christlicher Architektur: Gedanken über Wesen und Entstehung der christlichen Basilika — Zur Kunstgeschichte des Auslandes, Band 10: Straßburg: Heitz, 1902

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Wenn es nun auf die architektonische Beziehung der genannten
in christliche Kirchen verwandelten Privatbasiliken ankommt, so fällt
das Resultat so gut wie negativ aus.
Ueber den baulichen Charakter der Basilika des Theophilus sind
wir nicht unterrichtet, ebensowenig wissen wir über S. Giovanni in
Laterano, der alten Basilica Laterani, die 896 zusammenstürzte, und
über S. Maria Maggiore, die wenn überhaupt identisch mit der Basi-
lica Sicinini, unter Papst Liberius (352—66) bereits erneuert ward.
Die jetzt verschwundene Basilika des Junius Bassus war ein einschiffiger
Raum mit anstossender Apsis. Gleiche Formation besass die basilica
Sessoriana, die erst nachträglich als S. Croce in Gerusalemme die
dreischiffige Gliederung bekam. Vermögen wir bei diesen Bauten nir-
gends die Identität der Privatbasilika mit der christlichen zu konsta-
tieren, so glaubte doch Reber, dieselbe auf anderm Wege feststellen
zu können, im Zusammenhang mit seiner Theorie, welche er über
die Entstehung der Privatbasilika aufstellt. Reber meint, diese habe
sich im Anschluss an die ältere Form der öffentlichen Basilika, seiner
im Sinn des Antrags der Volkstribunen rekonstruierten basilica Por-
cia, wie sie oben besprochen ist, entwickelt, ohne auf die weiteren
Schicksale der öffentlichen Basilika Rücksicht zu nehmen, d. h. sie
habe sich zu einem in drei Schiffe zerfallenden, mit Ueberhöhung des
mittlern versehenen Bau entwickelt, der als Hauptprinzip die Richtungs-
axe entwickelt habe. So sei sie unmittelbar in die christliche Basilika
übergeführt worden. Die volle Wahrheit ergibt sich Reber dann in
dem Schluss, dass die christliche Basilika mittelbar der ältesten
forensen Basilika, unmittelbar der Privatbasilika entsprungen sei. Dass
die Privatbasilika die bezeichnete Gestaltung annahm, ergibt sich
Reber aus einem konstruktiven Motiv, dem der Ueberhöhung des
Mittelschiffes. «Dieser Ueberhöhung, sagt er, musste eine Neuerung
auf dem Fusse folgen. Dem Techniker ist es klar, dass die Architektur
sich auf der äussersten Grenze der Solidität bewegte, wenn sie auf
ein grosses lediglich aus doppelt übereinandergestellten Säulenreihen
gebildetes Rechteck Decke und Dach legte. Auf ein solches aber auch
noch eine, wenn auch durch Fenster unterbrochene Wand zu stellen,
erscheint als ein so gewagtes architektonisches Experiment, dass wir
es den Römern nicht zutrauen dürfen.) Die Oberwand erheischte einen
kräftigen Abschluss an den Ecken und dieser konnte durch eine nahe-
liegende Vereinfachung des basilikalen Planes leicht erreicht werden.
Man brauchte nur die Allseitigkeit der Nebenräume aufzugeben und
diese nur zweiseitig als zwei Nebenschiffe herzustellen. Das Ober-
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