Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 14.1897

Seite: 2429
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Euu'tti' Vellage zum „Wahren Jacav" Er. 260.

(Larl VrieörLch Wilhelm Kchulhe f.

Huf dem Friedhofe der Freireligiösen Ge-
meinde in Berlin schlummern nun zwei jener
wcihrhaft Edelsten und Besten, die ihr ganzes
Leben gewidmet dem Kampfe für das Wohl
des arbeitenden Volkes: nur wenige Schritte
entfernt von der letzten Ruhestätte Wilhelm
Hasenclevers, der am 3.Juli1889 gestorben,
wurde am Sonntag den 4. April 1897 Carl
Schnitze in die Erde gesenkt. Bei beiden
Begräbnissen waren die breiten Straßen oft
nicht groß genug, um den Trauerzug zu fassen;
beidemal gaben viele Zehntausende das letzte
Geleit und eine dreifach größere Zahl
hatte sich auf den Straßen aufgestellt,
die der Zug passirte.

Draußen im Norden von Berlin,
dort wo das arbeitende Volk wohnt,
ruhen diese seine Vorkämpfer. Den
letzten Gruß, die letzte Ehre erwies es
tiefbewegten Herzens den Männern,
von denen es weiß, wie aufrichtig und
aufopfernd sie für sein Wohl gekämpft
haben.

Und Schnitze war ein Kämpfer,
war ein selbstloser, wahrhaft opfer-
freudiger Freund der Arbeiterklasse
gewesen, bis er selbst zum Opfer wurde
all des Elends und all der Erbärm-
lichkeit, für deren Beseitigung er seine
Lebenskraft eingesetzt. Sie wurde ihm
allzurasch vernichtet; den Proletarier
hat die Proletarierkrankheit dahiuge-
rafft, die Schwindsucht brachte ihm,
dem noch nicht Vierzigjährigen, nach
langen Leiden den Tod.

Sonneudnrchfluthet, in goldiges
Licht getaucht war jener herrliche Früh-
lingssonntag, au dem Schnitze der
Erde übergeben wurde — und trübe,
dumpfe Werkeltage waren es, nur sel-
ten von Freudesglanz durchleuchtet,
die sein Leben ausgefüllt hatten. Ein
Arbeiter war er gewesen, der Armnth Sohn. In
Steinau a. O. am 15. Oktober 1858 geboren, kam
er mit vierzehn Jahren, nachdem er die Volks-
schule besucht, nach Berlin, das ihm eine zweite
Heimath werden sollte. Als Schlosserlehrling
bereits lauschte der Lernbegierige, wenn in der
Werkstatt die Gesellen von der neuen Lehre
sprachen, von jener welterlösendeu Menschen-
liebe, die da nicht leidet, duldet und auf ein
besseres Jenseits hofft, sondern kämpft, opfert
und im Diesseits das Wohlergehen des Volkes
erringen will. Nur heimlich flüsterte ein Geselle
dem anderen dies zu, denn damals, als kurz
vorher die Kommune in Paris niederkartätscht
war, die siegreiche Bourgeoisie blutige, grau-
I »niste Rache an den Besiegten genommen,
hatten ja Bebel und Liebknecht, die Vertreter
der deutschen Sozialdemokratie, im Reichstage
furchtlos und offen erklärt, daß das deutsche
arbeitende Volk jene Märtyrer des proletari-
schen Kampfes ehre und achte. Mordbrenner,
Petroleure, Verbrecher — so nannte die kapita-
listische Presse und ihr nachplappernd ihr denk-
faules Publikum die französischen Kommunards

wie die deutschen Sozialdemokraten, und zwar
uni so gehässiger, wüthender, je mehr gerade
damals in deutschen Landen der freche Betrug,
der große Gründerschwindel, seinen Raubzug
veranstaltete, wobei adelige und bürgerliche
Hochstapler Arm in Arm das saubere Geschäft
betrieben.

„Haltet den Dieb", haben von jeher die
davonlaufenden Spitzbuben gerufen. Die So-
zialisten sind Verbrecher, heulte die Gründer-
sippe. Staatsanwalt und Polizei wurden zu
eifriger Arbeit angehalteu; sie sollten die „sozia-

Äarl Ariebrich Wilhelm Schultze.
Geboren 15. Oktober 1858, gestorben 1. April 1897.

listische Gefahr" im Keime ersticken. Noch er-
schien dies leicht; nicht nur die gesammte
bürgerliche Welt sah in der Sozialdemokratie
nicht viel mehr als eine Art Räuberbande,
sondern auch innerhalb der Arbeiterkreise waren
es verhältnißmäßig doch nur Wenige, die nicht
durch jene Verleumdungen oder durch das
Märchen der Harmonie zwischen Arbeit und
Kapital abgehalten wurden, sich der Sozial-
demokratie anzuschließen.

Zu diesen wenigen Furchtlosen und Klar-
denkenden gehörte Schultze. Gutherzig, mit
weichem liebevollem Gemüth, empfand er all
die Leiden, an denen das arbeitende Volk so
reichlich zu tragen hat, mit innigem Mitgefühl,
während ihn gleichzeitig eine starke Willens-
kraft, eine zähe Energie und fleißiges Lernen
davon abhielten, in sentimentaler Rührseligkeit
unthätig zu zerfließen. Kampf, Widerstand den
Gegnern, Freundschaft und Liebe den Klassen-
genossen — das waren die Grundsätze, denen
Schultze in der harten Schule des Lebens, die
er durchmachen mußte, bis an sein Ende treu
blieb.

Die Attentate Hödels und Nobilings be-
nützte der Obergensdarm der deutschen Kapi-
talisten, der Millionärezüchter Bismarck, um
j sich die brutalsten Gewaltmittel zur Unter-
drückung der Arbeiterbewegung zu verschaffen,
und da bisher trotz aller Chikanen die gewerk-
schaftliche wie politische Organisation der Ar-
beiter gewachsen war, sollte sie nun durch einen
Gewaltstreich zerdrückt werden. Indessen -
dieses Attentat gegen die Arbeiterklasse miß-
lang; trotz Ausweisungen, Verfolgungen, Ge-
fängnißstrafen und Maßregelungen wuchs die
sozialdemokratische Bewegung Dank
der Hingabe der Arbeiter.

Kaum hatte Schultze das zwanzigste
Jahr erreicht, so stand er schon in
den vordersten Reihen Derer, die un-
erschrocken der Arbeiterbewegung ihre
Kräfte widmeten. Er war Metall-
schleifer geworden und in deren Orga-
nisation eingetreten; bald darauf hei-
rathete er. Bescheiden, wie er es stets
war, erfüllte er, ohne sich hervorzu-
drängen, die ihm übertragenen Auf-
gaben; als es 1884 zum Streik der
Metallschleifer kam, hatte er sich be-
reits so viel Vertrauen bei seinen Be-
rufskollegen erworben, daß sie ihm die
Leitung des Streiks übertrugen. Gleich-
zeitig war er politisch mit vollem Eifer
thätig^ wie er auch stets bei seiner
Agitation darauf hinwies, daß die ge-
werkschaftliche Bewegung allein nicht
zur Befreiung der Arbeiterklasse führen
könne, sondern gleichzeitig die politische
zu fördern sei.

Die Berliner Arbeiter hatten unter
dem Ausnahmegesetz ihre politische
Organisation in den Arbeiterbezirks-
vereinen, und in diesen entfaltete
Schultze eine lebhafte Thätigkeit. Opfer
um Opfer fielen; die Ausweisungen
der bewährten Genossen wurden immer massen-
hafter. Jeder, der in hervorragender Weise für
die Partei oder die Gewerkschaft thätig war,
hatte keinen Augenblick mehr Sicherheit. Wie viel
Noch und Elend dadurch hervorgerufen wurde,
wußte Keiner besser als Schultze, denn er war
es, der die Korrespondenz mit den ausgewiesenen
Genossen führte. Aus erster Quelle vernahm
er also die vielen Klagen über die Noch, in
die so Mancher gerieth. Einen Weichling hätte
das entmuthigt, in Schultze verdoppelte es die
Widerstandskraft. Trotzdem er die Größe der
Gefahr kannte, blieb er mit den nach der
Schweiz gewanderten Genossen in steter Ver-
bindung und der geheime Vertrieb des in Zürich
erscheinenden „Sozialdemokrat", jener wuchtigen
Waffe der verfolgten Arbeiterklasse, ging in
Berlin mit durch seine Hände. Endlich hatte
auch Schultzes Stunde geschlagen, er konnte der
Aufmerksamkeit der Polizei nicht mehr ent-
gehen; am 17. September 1886 erhielt er seine
Ausweisung aus Berlin zugestellt.

Sein Freund Bennewitz theilte mit ihm daS
Loos. Frau und Kinder mußte Schultze in
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