Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 14.1897

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demselben unterworfen. Nur um einzelne feste
Plätze und Inseln, die im Besitz der Venezia-
ner waren, wurde noch ein Vierteljahrhundert
mit diesen gekämpft.

5. Dir Türken nur Eroberer und nichk Vestrgrr.

Aber die Osmanen waren nur Eroberer,
keine Kulturträger. Sie wollten die Fruchte
der Kultur der unterworfenen Völker für ihre
Zwecke verwenden, nicht an die Stelle dieser
Völker deren Gewerbe betreiben. Ihr Gewerbe
war auf lange Zeit hinaus nur der Krieg,
und daneben hatten sie viel zu viel mit der
Niederhaltnng und Ausbeutung der eroberten
Länder zu thun, um sich nebenbei noch mit
anderen Geschäften abzugeben. Der religiöse
Fanatismus der Türken war von dein religiösen
Eifer fanatischer Christen wesentlich verschieden.
Der christliche Apostel wollte, daß ein Jeder
Christ fei, der fanatische Türke, daß der
Islam herrsche. Dann ist ihm der Christ
nur ein Ungläubiger, der nicht der vollen
Seligkeit des guten Moslem theilhaftig wird,
weiter nichts.

Es fehlte den Türken, eben weil sie vor
Allem ein Kriegsvolk waren, weil ihr ganzes
Reich auf Eroberung und Auspressung zu-
geschnitten war, eine wichtige Fähigkeit, kraft
deren sie die unterjochten Völker hätten wenig-
stens theilweise assimiliren können. Sie konnten
keine wirkliche Verwaltung einrichten. Ihre
Verwaltung war rein ausbeutend. Sie mußten
den Unterjochten ihre örtliche Selbstverwaltung
lassen, weil es ihnen an Organen fehlte, die-
selbe zu ersetzen. So blieb für die Ersteren
ein niächtiger Faktor des Zusammenhalts be-
stehen, der ergänzt wurde durch ihre kirchliche
Organisation. Daneben kam speziell für die
Griechen noch ein anderer Umstand in Betracht,
der sehr viel zur Erhaltung ihrer Nationalität
beitrug.

Die Türken verachteten den Handel. Sie
nahmen den Griechen den größeren Theil ihres
Grund und Bodens, aber sie ließen ihnen den
Handel, ja, drängten sie auf diese Weise dazu,
sich auf den Handel zu werfen. Abgesehen nun
von der finanziellen Macht, die auf diese Weise
in die Hände der griechischen Kauflente fiel,
hielt sie der Handel auch in steter intellektueller
Verbindung mit der westeuropäischen Kultur-
welt. Wenigstens ein Theil der griechischen
Nation blieb so von der geistigen Versumpfung
verschont, welche die Türkenherrschaft über das
Land gebracht hatte. Im Innern wiederum
erlaubten die zerklüfteten Gebirge muthigen
Griechen, sich zu kleinen Banden zusammen-
zuthun und gegen die türkischen Paschas einen
Guerillakrieg zu führen, der es diesen oft ge-
rathen erscheinen ließ, mit ihnen wie von Macht
zu Macht zu unterhandeln. Diese Banden in
Nordgriechenland, Klephten (Räuber) genannt,
eroberten noch unter der Türkenherrschaft für
ganze Distrikte, die den Namen armatolische
Distrikte erhielten, eine ziemlich entwickelte Un-
abhängigkeit. Im südlichen Theil Griechen-
lands erreichten dasselbe die Bewohner der
Maina, einer gebirgigen Landzunge im Gebiet
des alten Spartanerstaats. So war Griechen-
land zwar von der Türkei unterworfen, aber
eigentlich zu keiner Zeit so absolut von ihr
beherrscht wie andere Landestheile.

In ähnlicher Weise machten die in Jllyrien
wohnenden Albanesen den Türken zu schaffen,
bis es in der zweiten Hälfte des siebzehnten
Jahrhunderts gelang, die größere Zahl von
ihnen zum Islam zu bekehren. Von da ab
traten sie immer häufiger in den türkischen
Kriegsdienst und spielen im türkischen Heer
eine bedeutende Rolle. Die wegen ihrer wilden
Grausamkeit verrufenen Baschi-Bozuks sind in
der Regel muhamedanische Albanesen.

Was die slavischen Bewohner der Balkan-
halbinsel betrifft, so waren, wie wir gesehen
haben, die Bulgaren schon vor der Nieder-
werfung Griechenlands unterworfen worden.
Dasselbe gilt von dem westlich von ihnen
wohnenden, gleichfalls slavischen Volk der
Serben. Gleich den Bulgaren hatten auch
die Serben es vorübergehend zur Bildung eines
großen Reiches gebracht. Unter seinem Fürsten
Stephan Duschan (1986—1856) war Serbien
ein Kaiserreich, das fast die ganze Balkan-
Halbinsel umfaßte. Aber schon unter dessen
Sohn zerfiel es wieder, und 1871 wird des
Letzteren Nachfolger in der Schlacht an der
Maritza von den Türken besiegt. Noch 88 Jahre
ziehen sich die Kämpfe des serbischen Volkes um
seine Unabhängigkeit hin, bis 1459 Muhamed II.
ganz Serbien mit seinen Horden überschwemmt,
die angesehensten Familien ausrottet und 200000
Bewohner als Sklaven wegführen läßt. Im
klebrigen begnügen sich auch hier die Türken
damit, das Land militärisch zu besetzen und
auszubeuten, die Bewirthung aber dem Volke
zu überlassen, das auf diese Weise sich seine
Sprache und Sitten, der großen Masse nach auch
seine Religion erhält. Anfang des achtzehnten
Jahrhunderts — 1718 — kam Serbien in den
Kämpfen zwischen Oesterreich-Ungarn und den
Türken vorübergehend unter die Herrschaft
Oesterreichs, hatte aber von dessen Statthaltern
und deren Kreaturen so viel zu leiden, daß
viele Serben es zwanzig Jahre später als eine
Erlösung betrachteten, wieder unter türkische
Herrschaft zu kommen, über welchen Jrrthum
sie freilich von den Janitscharen eines Besseren
belehrt wurden. Ende des Jahrhunderts treten
sie im Kampfe zwischen Oesterreich und der
Tiirkei für Oesterreich ein, und mit dem An-
fang des neunzehnten Jahrhunderts beginnen
Erhebungen des serbischen Volkes für seine
nationale Unabhängigkeit.

Ein kleiner Theil der serbischen Nation hat
sich zu allen Zeiten der türkischen Herrschaft
zu erwehren gewußt. Es sind dies die Ende
des vierzehnten Jahrhunderts an die dalma-
tinische Küste in das Gebiet der „schwarzen

Berge" (Tschernagora) geflüchteten Stämme, die
sich nach jenen Bergen Tschernagorzen (lateini-
sirt Montenegriner) nennen. Alle Versuche der
Türken, dies rauhe unwirthliche Fleckchen Erde
zu unterwerfen, sind fehl geschlagen: in den
schwarzen Bergen sind unzählige Freiheits-
kämpfe gekämpft worden, und das Aeußerste,
was die Türken erreichen konnten, war, daß
sie mit Hilfe der Albanesen den Tschernagorzen
einige Inseln Wegnahmen, wodurch ihnen die
Fischerei auf dem See von Skntari fast un-
möglich gemacht wurde. Ihrerseits haben die
Montenegriner wiederholt ganze türkische Ar-
meen in Schach gehalten und sich überhaupt
als ein Dorn im Fleische des großen Türken-
reiches bewährt. Daß sie stets bereit waren,
den Feinden der Türkei zu helfen, also in allen
russisch-türkischen Kriegen ans Stziten der Russen
zu finden sind, kann unter diesen Umständen
nicht Wunder nehmen.

■ Ilm längsten gelang den Türken die Nieder-
haltung der Bulgaren. Es erklärt sich dies
fosort, wenn man sich vergegenwärtigt, daß
Bulgarien dem Zentrum des türkischen Reiches,
dem in Stambul umgetauften Konstantinopel
am nächsten liegt, am schnellsten von den Jani-
tscharen heimgesucht werden konnte und heim-
gesucht wurde. So hat sich denn auch im süd-
lichen Bulgarien die Bevölkerung viel weniger
rein erhalten als in den entfernteren slavischen
Provinzen.

In der Umgebung Stambnls siedelten sich
im Laufe der Zeiten viele Türken und zum
Islam übergetretene, türkisch gewordene Unter-
thanen des Sultans an, so namentlich ver-
abschiedete Soldaten, die Neigung verspürten,
sich ein kleines Gut zu kaufen, wozu bei der
fortgesetzten Schikanirung der christlichen Bevöl-
kerung nicht viel gehörte.

Im Allgemeinen wohnen indeß selbst heute
die Türken in Europa nur in größeren Städten
oder in deren näherer Umgebung, während
die Mehrzahl der mnhamedanischen Bauern
des europäischen Theils der Türkei Abkömm-
linge von slavischen oder anderen Konvertiten
des Islam sind.
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