Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 14.1897

Seite: 2458
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6. Das heutige Bild des Balkans.

Aus dem bis hierher Gegebenen ersieht
man, ein wie buntes Völker- und Rassengemisch
das darstellt, was man noch weit in dieses
Jahrhundert hinein die Europäische Türkei
nennen durfte. Nur ein über alle diese Rassen

Neugrieche (Arkadier).

sich erhebendes Kulturvolk Hütte sie, wenn nicht
assimiliren, so doch in langer, ausdauernder,
zivilisatorischer Arbeit mit seiner Herrschaft
versöhnen können. So etwas ist unter allen
Umständen ein schwieriger Prozeß, und hier,
außer diesen geographischen Verhältnissen, ein
doppelt und dreifach schwieriger. War es denn
auch dem hohen Kulturvolk der Griechen nicht
gelungen, wie hätte es den Türken gelingen
sollen? Ohne das jederzeit gezogene Schwert,
ohne Asien, als beständige Bezugsquelle für
kriegslustige Soldaten, hätte das von ihnen
zusammeneroberte Reich in Europa kein Men-
schenalter Bestand halten können. Was aber
nur durch das Schwert zusammengehalten
werden kann, dem geschieht kein Unrecht, wenn
es durch das Schwert wieder zerhauen wird.
Kein Anwalt der Türken wird behaupten
können, daß sie den von ihnen unterjochten
Völkern in Europa an Bedingungen des Wohl-
standes mehr gebracht haben, als sie ihnen ge-
nommen haben. Dies ohne den Türken die
Fähigkeit zu höherer Thätigkeit, als der des
Soldaten zu bestreiten. Es handelt sich hier
um das türkische Staatsspstem, nicht um die
Türken als Menschen, an denen die Jahr-
hunderte der Existenz als herrschende Rasse in
ihrem Reich sicher nicht vorüber gegangen sind,
ohne in ihnen die Tugenden dieser Position
auszubilden, wie sie in den Unterworfenen ge-
wisse Laster ansgebildet haben, die die Masse
der Unterdrückten zu bilden pflegen.

Unsere Bilder zeigen uns einige der Haupt-
bewohner des einst türkischen Europa. Da ist
zunächst ein Neugrieche aus Arkadien,
einer gebirgigen Landschaft im Innern der
Halbinsel Morea, die im alten Griechenland
einen Ruf wegen der Sitteneinfnchheit, zugleich
aber auch der Unkultivirtheit ihrer Bewohner
genoß.

Die Arkadier waren meist Hirten und Jäger,
und nach den Berichten der Alten „Ureinwohner"
ihres Landes, die sich mit den in den Pelo-
ponnes einwandernden Doriern ziemlich gut

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gestellt, aber nicht vermischt hatten. Trotz
aller späteren Wanderungen sind auch noch
heute viele reine Abkömmlinge der alten Ar-
kadier in den entlegeneren Thälern der Land-
schaft zu finden.

Aehnlich bei den Albanesen. Dieses un-
geberdige Bergvolk, das noch heute seine eigene
Sprache spricht, die es schon vor zwei- bis
dreitausend Jahren gesprochen, ist vielleicht
das geistig den Türken nahestehendste Volk der
Balkanhalbinsel, nur daß sie zwar manchmal
Räuber, aber keine Eroberer sind. Stolz, tapfer,
gastfreundlich, unwissend, grausam — das find
ihre Hanpteigenschaften. In ihrer Heimath sind
sie meist Hirten und Ackerbauer, die die Haupt-
arbeit den zur Stellung der Lastthiere ver-
urtheilten Frauen zuweisen. Sie lieben leiden-
schaftlich Musik und Tanz, bei welch ersterer
die mit einem kleinen Stück Rohr gespielte
langhalsige Guitarre fast nie fehlt.

Die Montenegriner genießen in der
weiten Welt den Beinamen der Hammeldiebe,
und in ihre nackten Felsenberge eingeschlossen,
mögen sie wohl früher manches Mal durch
einen Beutezug ins Nachbarland sich Fleisch-
proviant verschafft haben. In der neueren Zeit
hat man aber von solchen Zügen nichts gehört.
Es ist ein kräftiges, tapferes, sehr bedürfniß-
loses Volk, das sich in der Hauptsache durch
Viehzucht erhält. Es wird von einem Fürsten,
der sich um den Bau von Landstraßen, die Er-
richtung von Schulen rc. sehr verdient gemacht
hat, patriarchalisch regiert. Wie bei den Al-
banesen, ist auch bei den Montenegrinern die
Frau dem Manne als eine Art Hausthier unter-
geordnet; doch scheinen sie ihre Frauen besser
zu behandeln als jene.

Die Serben waren unter der Türken-
herrschaft lange fast ausschließlich auf Vieh-
zucht und sehr primitiven Ackerbau angewiesen,
entwickeln aber in neuerer Zeit auch industrielle
Fähigkeiten und zeigen überhaupt einen nicht
geringen Bildungsdrang.

Neben den hier aufgezählten rechnet man
zu den Balkanvölkern noch die aus einer Ver-
mischung von römischen Kolonisten und slavi-
schen und griechischen Ansiedlern mit den nörd-
lich der Donau niedergelassenen dakischen Volks-
stämmen hervorgegangenen Rumänen (auch
Wallachen genannt), soweit sie dem 1859 ge-
schaffene» rumänischen Staat angehören, und
ebenso die seit 1878 unter Oesterreichs Ver-

Bulgarischer wojervode.

Montenegriner.

waltung gestellten Bewohner der Provinzen
Bosnien und Herzegowina, die in christliche und
mnhamedanische bosnische Serben zerfallen.

Im Ganzen vertheilen sich heute die Balkan-
völker (denen die Bewohner der in näherer Um-
gebung der Halbinsel liegenden Inseln zuge-
rechnet sind) auf folgende politische Staats-
oder Verwaltungsgebiete:

Europäische Türkei, ohne die

nicht unmittelbar beherrsch- Einwohner:

ten Provinzen. 4 668000

Bosnien und Herzegowina . . 1336000

Serbien. 2162 000

Rumänien. 5 038 000

Bulgarien. 3 309 000

Montenegro. 236000

Griechenland. 2187000

18 936 000

Von den gegen fünf Millionen Menschen,
über welche der Sultan noch in Europa direkt
gebietet, sind knapp der fünfte Theil Türken.
Die anderen mehr als vier Fünftel bestehen
hauptsächlich aus Albanesen (1,5 Millionen),
Griechen (1,3 Millionen), und Bulgaren (1 Mil-
lion). In den anderen Balkanstaaten dagegen
sind die Abweichungen in der Bevölkerung vom
Nationalcharakter des Staatswesens nirgends
erheblich, so daß man im Ganzen die Zahlen
so gelten lassen kann wie sie oben stehen, da
die kleinen Differenzen sich annähernd aus-
gleichen. Anders in Bezug aus die Gruppirung
nach der Religion, die auf dem Balkan noch
eine große Rolle spielt, ja vielfach stärker ins
Gewicht füllt als die Abstammung. In Bul-
garien, Ost-Rumelien und Bosnien wohne»
1-/- Million slavischer Muhamedaner, zu denen
noch mindestens 2 Millionen unter direkter
türkischer Herrschaft stehende Muhamedaner
(Türken, Albanesen rc.) kommen, so daß man
die Zahl der Bekenner des Islam auf dem
europäischen Balkan auf gut 3*/2 Million an-
setzen kann. Die christlichen Bewohner des
j Balkan dagegen gehören zwar in ihrer großen
j Masse der sogenannten griechischen Konfession
an, vertheilen sich aber nach Nationalkirchen
derselben, die einander oft arg um Privilegien
j im Regierungsgebiet des Sultans befehden,
wobei dieser gelegentlich in die Lage kommt,
! den lachenden Dritten zu spielen.

Wie das türkische Reich in Europa seine
eroberten Positionen wieder verlor und die
Balkanvölker zu ihrer Freiheit kamen, soll in
der nächsten Nummer gezeigt werden.

Verantwortlich für die Redaktion Georg Vaßler.in Stuttgart. — Druck und Verlag von I. H. W. Dietz in Stuttgart.
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