Wölfflin, Heinrich
Kunstgeschichtliche Grundbegriffe: das Problem der Stilentwickelung in der neueren Kunst — München, 1915

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Linear (zeich-
nerisch, pla-
stisch) und
malerisch.
Tastbild und
Sehbild

i. Das Lineare und das Malerische

Allgemeines

i.

Wenn man den Unterschied der Kunst Dürers und der Kunst Rem-
brandts auf einen allgemeinsten Ausdruck bringen will, so sagt man,
Dürer sei zeichnerisch und Rembrandt sei malerisch. Dabei ist man sich

bewußt, über das Persönliche hinaus einen Unterschied der Zeiten charak-

*

terisiert zu haben. Die abendländische Malerei, die im 16. Jahrhundert
linear gewesen ist, hat sich im 17. Jahrhundert nach Seite des Malerischen
im besonderen entwickelt. Auch wenn es nur einen Rembrandt gibt, so
hat doch eine einschneidende Umgewöhnung des Auges überall stattgefun-
den pid wer irgend ein Interesse daran hat, sein Verhältnis zur Welt des
Sichtbaren zu klären, wird erst mit diesen zwei von Grund aus verschiedenen
Arten des Sehens sich auseinandersetzen müssen. Die malerische Art ist die
spätere und ohne die erste nicht wohl denkbar, aber sie ist nicht die absolut
höherstehende. Der lineare Stil hat Werte entwickelt, die der malerische
Stil nicht mehr besitzt und nicht mehr besitzen will. Es sind zwei Weltan-
schauungen anders gerichtet in ihrem Geschmack und ihrem Interesse an der
Welt und jede doch imstande, ein vollkommenes Bild des Sichtbaren zu geben.

Obgleich in dem Phänomen des linearen Stils die Linie nur einen Teil der
Sache bedeutet und der Umriß von dem Körper, den er umschließt, sich nicht
trennen läßt, kann man doch die populäre Definition benutzen und zum An-
fang einmal sagen: Der zeichnerische Stil sieht in Linien, der malerische in
Massen. Linear sehen heißt dann, daß Sinn und Schönheit der Dinge zu-
nächst im Umriß gesucht wird — auch Binnenfonnen haben ihren Umriß —,
daß das Auge den Grenzen entlang geführt und auf ein Abtasten der Ränder
hingeleitet wird, während ein Sehen in Massen da statthat, wo die Aufmerk-
samkeit sich von den Rändern zurückzieht, wo der Umriß dem Auge als
Blickbahn mehr oder weniger gleichgültig geworden ist und die Dinge als
Fleckenerscheinungen das Primäre des Eindrucks sind. Es ist dabei gleich-
gültig, ob solche Fleckenerscheinungen als Farbe sprechen oder nur als Hel-
ligkeiten und Dunkelheiten.

Das bloße Vorhandensein von Licht und Schatten, auch wenn ihnen eine
bedeutende Rolle zugewiesen ist, entscheidet noch nicht über den malerischen

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