Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 37.1943

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Zur Antikenauffassung in der Kunsttheorie
und Dichtung des frühen achtzehnten Jahrhunderts

Von
Kurt Berger

Wenn im Folgenden einige Anmerkungen über die deutsche Auf-
fassung der Antike im frühen 18. Jahrhundert gegeben werden, so ist die
Zeit gemeint, die der klassisch-romantischen Periode vorangeht. Von der
Antikennachahmung der Aufklärung, von Lessing und Herder, wird
jedoch nicht die Rede sein; es soll vielmehr auf die eigentümlich deutsche
Auffassung und Deutung der Antike in Theorie und Dichtung hingewie-
sen werden, wie sie die Zeit vom Beginn bis Mitte des 18. Jahrhunderts,
von Leibniz bisWinckelmann begründet, wie sie sich auswirkt in
der Dichtung und bildenden Kunst Wielands und Gessners und
wie sie schließlich in das klassisch-romantische Antikenideal ausmündet.

Machen wir in großen Zügen die historische und nationale Situation
klar, in der die Begegnung des deutschen Geistes mit dem antiken Idealis-
mus erfolgt.

Durch das ganze Mittelalter hindurch hatte sich die Eigenart der
einzelnen Völker und Nationen in ihrem Geistesleben erhalten, in der
Frömmigkeit, in der Dichtung, in der bildenden Kunst prägte sich diese
Eigenart trotz alles geistigen und weltlichen Idealismus immer deutlicher
und tiefer aus, aber ein ausgesprochen nationales Kulturbewußtsein
und ein nationaler Kulturwille erwacht erst mit dem endgültigen Zu-
sammenbruch der res publica christiana des Mittelalters. Bei Dante und
im Frankreich des 15. Jahrhunderts können wir dies schon beobachten,
von früheren Vorläufern der Renaissancebewegung abgesehen. Unter
Renaissance verstehen wir im Grunde ja nicht nur die Entdeckung des
Individualismus, sondern ebenso das Selbständigwerden der Völker auch
in ihrem geistigen Leben, das Entstehen der modernen europäischen Kul-
turen auf nationaler Grundlage. Die große Tradition des Mittelalters lebt
wohl darin fort, aber die allgemeine bindende Idee wird immer mehr
säkularisiert — ein geistesgeschichtlicher Vorgang, der wieder im Mittel-
alter selbst seine Wurzeln hat — wie dies Ranke und Burdach und der
Wiener Kunsthistoriker Dvofak auf verschiedenen Gebieten gezeigt haben.
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