Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 37.1943

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Die Wurzeln der europäischen Ausdrucksformen

Von

Margarete Riemschneider-Hoerner

A. Kreter, Hethiter, Sumerer

Im vierten Gesang der Ilias schießt Pandaros auf Anstiften Athenas
während des Waffenstillstandes einen Pfeil auf den ahnungslosen Mene-
laos ab. Von diesem Pfeil heißt es:

A 135. öiä fjbkv äo ^caavfjgog SfafjÄaro öaiöaXeoio
xal öiä 'd-cÖQTjy.og noXvdaidd?.ov rjgrjgeiavo
fitzgr/g d'^v icpögei, egvfia zgoög, egxog äxövzmv,
rj oi nXelozov egvzo. diangö de elaaio y.al vrjg.

Der Pfeil dringt durch „den kunstvoll gearbeiteten Gürtel, durch
den sehr kunstvoll gearbeiteten Panzer und durch die Mitra, die er zum
Schutz des Körpers trug, zur Abwehr der Geschosse".

Wir finden also die seltsame Reihenfolge von außen nach innen:
Gürtel, Panzer, Mitra. Übereinstimmend damit heißt es Vers 215:

Xvas de oi ^coazfjga navalo?Mv t)d' ineveg'dev
f<ä,wä ve xal /.dvgrjv, vrjv xoXxfjeg xäjiov uvögeg

„Er löste den schillernden Gürtel und darunter den Leibrock und die
Mitra, die Erzarbeiter gearbeitet hatten."

Das merkwürdige Kleidungsstück, die Mitra, wird gewöhnlich mit
Leibbinde übersetzt. Für uns liegt in dem Wort Leibbinde die Vor-
stellung, sie diene zum Warmhalten des Unterleibes. Da aber laut
Homer die Mitra an der gleichen Stelle wie der Gürtel getragen wird
und der Körper des homerischen Kriegers unterhalb der Taille mitunter
völlig nackt ist, kommt dieses Kleidungsstück zum Warmhalten nicht
in Frage. Es kann aber auch nicht zum Schutz der Haut gegen das
Scheuern des Metall- oder Lederpanzers gedient haben, zgüg heißt bei
Homer nicht Haut, sondern steht für Körper1). Die Haut war durch das,
freilich nicht immer getragene kurze Flemd — t;üfia oder %ixdyv ovoemög,
„Drillichhemd" — genügend geschützt. Wenn Homer eine Belästigung

J) Vgl. Snell, Die Sprache Homers als Ausdruck seiner Oedankenwelt. Neue
Jahrbücher für Antike und deutsche Bildung 1939.

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft XXXVII.

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