Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 37.1943

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BEMERKUNGEN . 83

Wie hier ein Mann Qoetheschen Geistes spricht, der selbst auf's Tiefste durch-
drungen ist vom Bildungsgut der Klassik und der Romantik, so bedeuten seine
Ausführungen nach Inhalt und Form eine Vereinigung und gegenseitige Durch-
dringung der Typen der Bildbeschreibung, die man kurz als „klassisch" und
„romantisch" bezeichnen könnte. Während Carus das Bild durch sein Wort für
unser Auge sehbar macht, „erschaut" durch seine Deutung unser „innerer" Sinn
den „inneren Organismus" des Kunstwerks und wird von seiner lebenden Kraft er-
faßt. So finden wir bei Carus eine — nahezu ideale — Synthese von phänomenologi-
scher und sinn-analytischer Bildbeschreibung.

In welchen Literaturen auch immer man Waetzolds Anregungen nachgehen
wollte, überall würde sich ergeben, daß eine Geschichte der Bildbeschreibung die
Darstellung der Ausbildung, Entfaltung und Abwandlung bestimmter Typen in ihrer
reinen Ausprägung und in ihren zahllosen Zwischenstadien bedeutet. Das heißt auf
dies Buch bezogen: es gibt implicite auch die Grundzüge einer Typologie möglicher
Bildbeschreibungen überhaupt. Das Verhältnis der einzelnen Bildungsepochen zu den
einzelnen Typen ist für die Kenntnis jener wie dieser besonders aufschlußreich. So
wird die vorliegende Sammlung nicht nur für den Kunst- und den Literaturhistoriker,
sondern auch für den Psychologen und überhaupt für jeden geistesgeschichtlich
Interessierten von Bedeutung sein. Am dankbarsten aber wird vielleicht die Fülle
von Belehrung und Anregung, die Waetzoldt gibt, der einzuschätzen wissen, der in
der Praxis kunstpädagogischer Arbeit sich immer aufs Neue mit der Problematik
der Bildbeschreibung auseinanderzusetzen hat.

Genialität und Lebensdauer

Von

Doz. Dr. med. D. Kotsovsky
(Institut für Altersforschung und Altersbekämpfung. Kischinew, Rumänien)

Das Studium der geistigen Schöpfung im Laufe der Geschichte der Menschheit
zeigt, daß die meisten Gelehrten und Philosophen ein hohes Alter erreichten. Diese
Tatsache bestätigt die längst bekannte Beobachtung, daß ruhige, rein geistige Arbeit
hohe Lebensdauer begünstigt.

Die Altersveränderungen der Psyche in der Form von Alterspsychose und
Greisenschwachsinn sind nicht eine unbedingte Begleiterscheinung des Greisentums.
Im Gegenteil — das Studium der Psyche genialer Greise zeigt, daß diese patholo-
gischen Veränderungen der Altersintellekte eher als Ausnahme denn als Regel
betrachtet werden können.

Untersuchen wir die Schöpfungsarbeit genialer Menschen, so können wir ziem-
lich leicht einen besonderen Zusammenhang zwischen Langlebigkeit und Höhe der
geistigen Schöpfung feststellen.

Schon Cicero sagte: „Ein Greis macht nicht das, was ein Jüngling macht,
weil er eine viel höhere Pflicht erfüllt; aber für einen Narren ist das Greisenalter
nichts weiter als eine Last."

Wolter hatte Recht, wenn er sagte, daß das Alter für einen Laien der Winter,
für den Gelehrten dagegen die Zeit der Ernte ist.

Hufeland äußert sich in seiner „Makrobiotik" folgendermaßen über die uns
interessierende Frage: „Die berühmten Philosophen in allen Zeiten sind durch grö-
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