Ziegler, Hendrik
Die Kunst der Weimarer Malerschule: von der Pleinairmalerei zum Impressionismus — Köln , Weimar , Wien, 2001

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Kapitel V

Auch sonst spricht vieles dafiir, um 1900 von einer neuen Konstellation im
Weimarer Kunstgeschehen zu sprechen. Am 5. Januar 1901 war Großherzog Carl
Alexander gestorben, und sein Enkel Wilhelm Ernst hatte die Regierungs-
geschäfte übernommen. Für die Kunstschule ergaben sich einige entscheidende
Veränderungen. Graf Görtz entschloß sich, nach dem Tode des Großherzogs
seinen Platz als Direktor der Schule zu räumen. Allerdings blieb er noch im Amt,
bis Anfang April 1902 Hans Olde als neuer Direktor seinen Dienst antrat. 3 Die
Bemfung Oldes war nicht ganz einfach gewesen, im letzten war sie aber von den-
selben Kreisen ausgegangen, die auch das Kommen Henry van de Veldes und
Harry Graf Kesslers betrieben hatten, nämlich Staatsminister Karl Rothe und
Elisabeth Förster Nietzsche. 4 Zudem war die Kunstschule am 17. Juni 1902 in ein
Staatsinstitut umgewandelt und der Aufsicht des großherzoglichen Staatsmini-
steriums, Departement des großherzoglichen Hauses, unterstellt worden. 5 Letzt-
lich erfüllte damit Wilhelm Ernst einen alten Wunsch seines Großvaters und ver-
besserte dadurch die fmanzielle Gmndlage der Schule. 6 Im Juli 1904 wurde der
heute noch stehende Neubau des Schulgebäudes nach den Plänen Henry van de
Veldes in Angriff genommen, der nach einigen Verzögemngen im Oktober 1911
abgeschlossen werden konnte. 7

Hans Olde, der sich während seines zweiten Parisaufenthalts im Frühjahr 1891
mit der Kunst Monets auseinandergesetzt und daraufhin selbst einen moderaten
impressionistischen Malstil entwickelt hatte, konnte bereits in den ersten Jahren
seiner Amtszeit als Direktor, die bis 1910 währte, mehrere Bemfungen durch-
setzen, die der Schule ein entscheidend neues Profil gaben. 8 1903 kam Ludwig
von Hofmann, 1904 Sascha Schneider, beide hauptsächlich figurativ arbeitende
Maler der neuidealistisch-symbolistischen Richtung. Bereits im November 1902

3 Scheidig 1960/1, S. 44f. - Zu Oldes Berufung: Hildegard Gantner, Hans Olde 1855-1917. Leben
und Werk, Phil. Diss. Tiibingen 1970, S. 107-112

4 Gantner 1970, S. 109f.

5 ThHStAW, Hochschule fiir bildende Kunst Nr. 147, Protokoll vom 17.6.1902 - Scheidig 1960/1,
S. 46

6 Siehe Kap. I, Anm. 205-209

7 Karl-Heinz Hüter, Henry van de Velde. Sein Werk bis zum Ende seiner Tätigkeit in Deutschland.\
(Schriften zur Kunstgeschichte, H. 9), Berlin (O.) 1967, S. 161-171 - Dieter Dolgner, Henry van
de Velde in Weimar 1902-1917, VDG Kunstfiihrer, Weimar 1996, S. 41-43

8 Gabriele Bremer, Ein Impressionist ?, in: Kat. zur Ausst.: Hans Olde unddie Freilichtmalereiin Nord-
deutschland, Schleswig-Holsteinisches Landesmuseum, Kloster Cismar, 23.6. - 27.10.1991,
Neumünster 1991, S. 35-38, S. 37
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