Ziegler, Hendrik
Die Kunst der Weimarer Malerschule: von der Pleinairmalerei zum Impressionismus — Köln , Weimar , Wien, 2001

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Kapitel I

GROSSHERZOG CARL ALEXANDER
UND SEINE KUNSTSCHULGRÜNDUNG

Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach rief 1860 in seiner
Residenzstadt Weimar eine Kunstschule ins Leben. Diese Schulgründung war
Teil eines weitreichenden, wenn auch nicht immer fest umrissenen Kulturpro-
gramms mit nationalpolitischer Ausrichtung. Scheidigs Ansicht, daß bei der
Weimarer Kunstschulgründung »keine auf Kulturpolitik oder Volksbildung ge-
richteten Gedanken« eine Rolle gespielt hätten und der Großherzog sich vor al-
lem zu Unterhaltungszwecken mit einer adligen Malerkolonie umgeben habe,
ist unzutreffend. 1 Angelika Pöthe tritt zu Recht in ihrer Carl Alexander-Mono-
graphie dieser Auffassung entgegen und weist auf das aufrichtige Bestreben des
Großherzogs hin, mit der Kunstschulgründung das als >heilig< erachtete Streben
nach dem Wahren und Schönen zu fördern und durch die Ausstellung von Kunst
und Kunstgewerbe erzieherisch auf breite Bevölkerungsschichten zu wirken. 2
Auch stellt sie heraus, in welch starkem Maße die Renaissancekultur der Stadt-
staaten Italiens Vorbild fur Carl Alexanders Mäzenatentum war. 3 Indes folgte der
Großherzog noch darüber hinaus bei der Kunstschulgründung einer kulturpoli-
tischen Leitidee, die er bereits im Zuge der Wiederherstellung der Wartburg seit
den 1840er Jahren entwickelt hatte und die ihn auch in den 1860er Jahren zu dem
Bau eines Großherzoglichen Museums in seiner Residenzstadt bestimmte:
Weimar sollte aufgrund seiner besonderen Vergangenheit und vor dem Hinter-
grund der bedeutenden Geschichte Thüringens das geistig-kulturelle Zentrum
der Nation bilden, die Kunst diesen ideellen Lührungsanspruch untermauern und
zur kulturellen Integration Deutschlands beitragen. Die Kunstschulgründung
erwuchs aus den programmatischen Absichten Carl Alexanders, Weimar zu ei-
nem Ort nationaler Selbstfmdung, strikt begrenzt auf das Gebiet der Kultur, zu
erheben.

1 Scheidig 1991, S. 12f.

2 Pöthe 1998, S. 354-356 u. S. 359

3 Ebd., S. 345-351
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