Zoepffel, Renate
Historia und Geschichte bei Aristoteles — Heidelberg, 1975

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Historia und Geschichte bei Aristoteles

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lisch» im Gegensatz zum «teleologischen» bzw. «linearen» der christlichen
und modernen Welt. Wie es zu dieser Verallgemeinerung im einzelnen
gekommen ist, kann hier nicht untersucht werden174. Ein gewichtiger Kron-
zeuge für sie ist sicher Augustinus mit seiner scharfen Kritik an den Kata-
strophentheorien derjenigen heidnischen Autoren, die an eine Ewigkeit der

Literatur, Festgabe A. Ehrhard, hrsg. v. A. M. Koeniger, Bonn/Leipzig, 1922, 359—380.
(Meyer stützt seine Ansicht auf den «Satz der Synonymie», nach dem «Anfang und
Ende eines Werdeprozesses die gleiche Wesensform darstellen» sollen (363), und verweist
dazu auf seine Schriften «Der Entwicklungsgedanke bei Aristoteles» (1909), «Geschichte
der Lehre von den Keimkräften von der Stoa bis zum Ausgang der Patristik» (1914)
und «Natur und Kunst bei A.» (1919). S. auch F. Brentano, A. und seine Weltanschau-
ung, 1911, 62—66: Das Gesetz der Synonymie (allerdings ohne Beziehungnahme auf
eine Kreislauftheorie). Was die Tatsache, daß «der Mensch einen Menschen zeugt», mit
einer historischen Kreislauftheorie zu tun haben soll, ist mir nicht einsehbar geworden.
Zu συνωνυμία vgl. Bonitz, Index.); H. Bogner, Vom geschichtlichen Denken der Grie-
chen, Heidelberg 1948, passim; K. Gaiser, Platon und die Geschichte, 1961, 6: «Die
griechische Zeitvorstellung war im wesentlichen zyklisch, also durch den Gedanken der
periodischen "Wiederkehr bestimmt; . . .». — Eine temperamentvolle Stellungnahme gegen
das Klischee vom «antiken Kreislaufdenken» allgemein findet sich bei A. Momigliano,
Time in Ancient Historiography, in: Time and History, Beiheft 6 von History and
Theory, 1966, 1—23, bes. 7—18; S. 10 mit A. 23 eine kurze Bemerkung zu A. (der dort
angeführte Aufsatz voti A. Grilli, La posizione d’Aristotele, Epicuro e Posidonio nei
confronti della storia della civiltà, Rendiconti Istituto Lombardo 86, 1953, 3—44, war
mir leider nicht zugänglich). S. auch Ch. G. Starr, Historical and Philosophical Time,
ebenfalls Beiheft 6, 24—35. Auch Starr verweist mehrfach auf A. (29 ff.), obwohl er an
sich Historiker und Philosophen in ihren Zeitvorstellungen von einander zu trennen
sucht. A. nimmt für ihn wohl eine Mittelstellung ein, was in gewisser Hinsicht richtig
sein mag. So auch in «The Awakening of the Greek Historical Spirit» 1968, s. im Index
s. v. «Aristotle» und «cycles». Für das römische Geschichtsdenken s. vor allem F. Vitting-
hoff, Zum geschichtlichen Selbstverständnis der Spätantike, HZ 198, 1964, 529—574, bes.
540 ff. und 571 ff. Vgl. auch B. Gatz, Weltalter, goldene Zeit und sinnverwandte Vor-
stellungen, Spudasmata 16, 1967, 25 A. 56. Gatz wendet sich zwar gegen das «allgemeine
Vorurteil, für die Antike verallgemeinernd die Weltanschauung einer pessimistischen
Zyklik im Gegensatz zur jüdisch-christlichen Eschatologie vorauszusetzen», beharrt aber
darauf, daß, wie in einigen anderen philosophischen Systemen, so auch bei A. die Wieder-
kehr des Gleichen «eine gewisse Geltung» hatte. Für A. beruft er sich dabei allerdings nur
auf die unechten Problemata 916a 25; vgl. dazu u. S. 44.
174 Momigliano hat wahrscheinlich recht und belegt auch aufgrund seiner enormen Literatur-
kenntnis ausführlich, daß theologische — er denkt auch an, allerdings weitgehend unbe-
wußt, rassistische— Vorurteile eine sehr bedeutende Rolle bei der Bildung dieses Klischees
vom antiken Kreislaufdenken gespielt haben (o. A. 173, bes. 1—7). Anders sind die
inneren Widersprüche, auf die Momigliano hinweist, ebenso wenig verständlich wie die
Tatsache, daß man von dieser Seite alle nichtzyklischen Vorstellungen in der Antike
ebenso schlicht übersehen konnte wie die zyklischen im Bereich des angeblich linearen,
modernen, Geschichtsdenkens: s. dazu Ed. Spranger, Die Kulturzyklentheorie und das
Problem des Kulturverfalls, Sitzungsber. d. Preuß. Akad. d.Wiss. 1926, 1, XXXV—LIX,
der die Kreislauflehre, ausgehend von seiner Gegenwart, in der man sich über einen
Mangel an biologistisch-zyklischem Denken wahrhaftig nicht beklagen konnte, bis auf
G. Vicos Scienza Nuova (1725), möglicherweise sogar bis auf den maurischen Geschichts-
philosophen lbn Chaldûn (1332—1406) — S. XLVI A. 13 —, zurückverfolgt. Aber es
muß dodi wohl mehr Zusammenkommen, um ein Vorurteil so einleuchtend ersdieinen
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