Welscher Gast digital
Der Welsche Gast des Thomasin von Zerklaere
Tugenden und Laster, Lektüreempfehlungen für den jungen Adel, der richtige Umgang mit irdischen Gütern, Benehmen am Tisch, Pflichten eines guten Herrschers, Auswirkungen des menschlichen Tuns und Lassens auf das Leben im Jenseits, Ratschläge für Liebesgaben: Der ›Welsche Gast‹ ist die erste umfassende Verhaltenslehre in deutscher Sprache, ein Gedicht von etwa 15.000 Versen, ausgestattet mit einem reichen Illustrationszyklus.
Das Werk wurde 1215/16 von Thomasin von Zerklaere verfasst, einem Kleriker aus dem norditalienischen Friaul. Der romanischsprachige Thomasin widmete sein Werk, das er auf Deutsch schrieb, der ›deutschen Zunge‹, genauer dem deutschsprachigen Adel seiner Zeit. Sich selbst wie auch sein Werk bezeichnete er dabei als den welihischen gast, d. h. als den ›Fremden aus Italien‹.
Handschriften aus drei Jahrhunderten (25 sind bekannt) zeugen von der Verbreitung des illustrierten Gedichts. Sowohl der Text als auch die Bilder veränderten sich im Laufe der Zeit, und auch die Codizes wechselten ihr Format und ihre Gestalt. Aus einem vermutlich eher kleinen, fein hergestellten Handbuch wurden im 14. und 15. Jahrhundert teils große, komplex strukturierte und prächtig ausgestattete Bände, teils flüchtig oder gar nicht mehr illustrierte Gebrauchsbücher.
Editionsprojekt
Das Editionsportal Welscher Gast digital wurde 2015 im Rahmen einer Kooperation zwischen der Universitätsbibliothek Heidelberg und dem Sonderforschungsbereich 933 ›Materiale Textkulturen‹ der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der Universität Heidelberg eingerichtet. Das von Christian Schneider begründete, zugrundeliegende Editionsvorhaben wurde innerhalb des genannten Sonderforschungsbereichs als Teilprojekt B06 Materiale Präsenz des Geschriebenen und ikonographische Rezeptionspraxis in der mittelalterlichen Lehrdichtung. Text-Bild-Edition und Kommentar zum Welschen Gast des Thomasin von Zerklaere von 2011 bis 2019 gefördert, zunächst als altgermanistisches Projekt unter der Leitung Christian Schneiders und seit 2014 unter zusätzlicher Einbeziehung des Fachs Kunstgeschichte mit Peter Schmidt als Projektleiter. Zwischen 2019 und 2023 war Welscher Gast digital als Pionierprojekt eines von mehreren use cases im von Maria Effinger an der Universitätsbibliothek durchgeführten Service-Projekt INF-UP2 ›Integration von Text- und Forschungsdaten in neuen und nachhaltigen Publikationsformaten‹ des Sonderforschungsbereichs 933. Die technisch-methodische Konzeption sowie die praktische Durchführung der Edition wird seit 2011 von Jakub Šimek verantwortet, der das Editionsportal auch nach seinem Wechsel vom SFB 933 an die Universitätsbibliothek Heidelberg im Jahr 2018 weiter betreut.
Die Ziele des Editionsprojekts umfassen die digitale Bereitstellung aller Handschriften des Werkes in Text und Bild, die Erarbeitung eines neuen kritisch hergestellten Lesetextes, die synoptische Aufbereitung und Erschließung der in den mittelalterlichen Handschriften überlieferten Bebilderung sowie einen Text- und Bildkommentar.
Bereits 2015 wurden alle erhaltenen mittelalterlichen Handschriften des Welschen Gastes in einer sog. virtuellen Handschriftenbibliothek als digitale Faksimiles veröffentlicht. Einzelne dieser digitalen Faksimiles werden noch sukzessive um Spezial- und Detailaufnahmen ergänzt. Um ein intuitives Verständnis des buchtechnischen Aufbaus der Codizes zu ermöglichen, wurde in den Handschriftenviewer der Universitätsbibliothek eine dynamische Visualisierung der Lagenstruktur integriert (verfügbar z. B. bei Stuttgart, Württembergische Landesbibliothek, Cod. poet. et phil. 2° 1 mithilfe des Buttons ›Lagenstruktur‹). Neben den mittelalterlichen Handschriften wurden auch einige neuzeitliche Abschriften als digitale Faksimiles ins Editionsportal aufgenommen. Ferner sind die Ausgabe Heinrich Rückerts (1852) sowie die vierbändige Edition des Friedrich Wilhelm von Kries (1984–1985) digital verfügbar (Rückerts Ausgabe auch als digitaler Volltext).
Der Schwerpunkt der bisherigen Textarbeit lag auf der Transkription der gesamten mittelalterlichen Überlieferung, die 2019 grob abgeschlossen wurde. Diese über acht Jahre hinweg mit Unterstützung zahlreicher studentischer Hilfskräfte angefertigten Transkripte liegen projektintern in einem vorläufigen TEI-Format vor und bedürfen großteils noch einer Überprüfung und Vereinheitlichung sowie einer technischen Überführung in das aktuelle TEI-Format von heiEDITIONS. Außerdem wurde der Volltext der Ausgabe Heinrich Rückerts linguistisch annotiert und einer Reimanalyse unterzogen, um quantitative Erkenntnisse über die Sprache des Werkes zu gewinnen.
Ein wichtiges Ergebnis der kunsthistorischen Komponente des Projekts sind synoptische Zusammenstellungen aller Illustrationsmotive des in den Handschriften des Welschen Gastes überlieferten Bilderzyklus. Diese Bildsynopsen stellen visuelle Verbindungen zwischen den jeweiligen Komponenten der Bilder her (z. B. Figuren und Gegenstände) und ermöglichen detaillierte Vergleiche der Entwicklung und Varianz der Bildmotive quer über alle Handschriften. Flankiert wird die Bildsynopse durch die 2022 erschienene kunsthistorische Dissertation von Lisa Horstmann.
Aus der 2015 vom Projekt veranstalteten Tagung ›800 Jahre Welscher Gast – Neue Fragen zu einer alten Verhaltenslehre in Text und Bild‹ ist der 2022 erschienene Sammelband ›Der Welsche Gast des Thomasin von Zerklaere. Neue Perspektiven auf eine alte Verhaltenslehre in Text und Bild‹ hervorgegangen.
Aktuelles
Ab Oktober 2025 wird mit Unterstützung der Professur von Christian Schneider an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, der Heidelberger Forschungsstelle HEDIT (Heidelberger Editionen und Texterschließung) und der Universitätsbibliothek Heidelberg die Editionsarbeit wieder intensiver vorangetrieben. Bis 2026 sollen die vorliegenden Transkriptionen der vier Vollhandschriften der älteren Überlieferungsgruppe *A (A, D, G und F) in das aktuelle TEI-Format von heiEDITIONS migriert, mit den Handschriften abgeglichen und überprüft werden. Auf dieser Grundlage soll mittelfristig eine neue Leseausgabe erarbeitet werden.
