Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst   [Hrsg.]
Die Graphischen Künste — N.F. 5.1940

Seite: 28
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KARL SIMON / UNBEKANNTE LITHOGRAPHISCHE KARIKATUREN

VON MORITZ v. SCHWIND

Die deutsche Karikatur auf Ereignisse und Gestalten der deutschen Revolutionszeit der
Vierzigerjahre des 19. Jahrhunderts, besonders des Frankfurter Parlaments, ist mehr in die
Breite als in die Tiefe gegangen; wirklich große Künstler haben sich nur in verschwindend
geringem Umfange an ihr beteiligt. Es gibt ein paar gute Blätter von Philipp Veit, von
Edw. v. S t e i n 1 e; es gibt den unsterblichen Piepmeyer von Ad. Schrödter, eine ganze
Reihe und sehr gute von Ernst S c h a 1 c k, der aber, früh gestorben, außerhalb Frank-
furts wenig bekannt geworden ist — sonst ist die Ausbeute nicht sehr erheblich.

Es ist bezeichnend, daß die beiden Künstler, die man am ersten als Humoristen bezeichnen
kann, Hosemann in Berlin und Spitzweg in München, kaum irgendwie mit ihrer Kunst in
den politischen Tagesstreit eingegriffen haben. Auch Schwind, der in seinem „Herr Winter",
in der ,,Katzensymphonie" usw. einen so köstlichen Humor entwickelt und dem auch sehr
gelungene Karikaturen geglückt sind, geht an dem politischen Geschehen dieser Zeit mit
seiner Kunst vorüber.

Nur einmal hat er, so viel wir sehen können, sie in den Dienst dieses Geschehens gestellt,
und zwar in seiner Karlsruher Zeit, der wir u. a. die Wandmalereien in der Kunsthalle mit
der Einweihung des Freiburger Münsters und den Philostratischen Gemälden verdanken.

Andere Arbeiten betrafen das in den Jahren 1820—25 von Militärbaumeister Arnold nach
den Plänen Weinbrenners erbaute Ständehaus, das sich gegen Ende der Dreißigerjahre mehr
und mehr als unzulänglich erwies und von Baudirektor Hübsch einer Veränderung unter-
zogen wurde, für die er am 4. Juni 1840 den Voranschlag einreicht.1 Am 22. September des
gleichen Jahres übersiedelte Schwind nach Karlsruhe, um die Ausführung des in W ien gezeich-
neten Kartons des Freskos für die Kunsthalle anzufangen. Ende des Jahres muß Hübsch auf
den Gedanken gekommen sein, Schwind zu der Dekoration des veränderten und vergrößerten
Sitzungssaales der Ersten Kammer im Ständehause heranzuziehen. Dieser malte hier Rund-
bilder mit den Personifikationen von acht Tugenden, die in die Wand eingelassen wurden.
Außerdem schuf er das „Huldigungsbild", d. h. die Darstellung der vier Stände, die sich um
das Medaillonbildnis des Großherzogs Leopold (nicht Friedrich!) gruppieren. Die vier Stände
über dem Sitz des Präsidenten werden von der „Justitia" und der ,,Sapientia" eingerahmt,
während im Saal selbst „Pietas" und „Fides", „Prudentia" und „Virtus" sowie „Opulentia"
und ,,Pax" mit einander korrespondieren. Mitte Juli des Jahres 1841 sind die „Tugenden"
fertiggestellt, während das „Huldigungsbild" erst im April 1842 vollendet wurde.

Unterdessen hatten die politischen Verhältnisse in Baden, die schon seit Ende der Dreißiger-
jahre gespannt waren, eine weitere Zuspitzung erfahren. Schuld daran gab man vor allem der
Persönlichkeit des Ministers Freiherrn v. Blittersdorf, der, seit 1835 Staatsminister des Groß-
herzoglichen Hauses und der auswärtigen Angelegenheiten, erst seit 1838 das, was er sein
„System" nannte, klarer herausstellte. Damit leitete er eine Epoche der badischen Geschichte
ein, „welche für dieses Land verhängnisvoll geworden ist". Sie bildet die Anbahnung von
Verhältnissen, „die es einige Jahre später der radikalen Partei möglich machten, sich Baden
zum Tummelplatz ihrer wildesten Ausschreitungen zu wählen".2 Konnte ihm doch einer der
oppositionellen Abgeordneten der Zweiten Kammer, Bassermann, von dem noch zu

1 Vgl. die aus den Akten geschöpfte Darstellung J. A. Beringers: Moritz v. Schwinds Karlsruher Zeit. Zs.
f. d. Gesch. d. Oberrheins N. F. XXX. (1915) S. 137 ff. Ders. in den Mitt. d. Ges. f. vervielfältigende Kunst.
Wien 1936. S. 30, 56.

2 Badische Biographien, hrsgg. v. Fr. v. Weech. Heidelberg 1875. I. S. 90.

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