Kimpflinger, Wolfgang; Neß, Wolfgang ; Zittlau, Reiner; Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege [Editor]; Institut für Denkmalpflege [Editor]
Arbeitshefte zur Denkmalpflege in Niedersachsen: Das Fagus-Werk in Alfeld als Weltkulturerbe der UNESCO: Dokumentation des Antragsverfahrens — [Hannover]: Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege, Heft 39.2011

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Einleitung

Am 25. Juni 2011 entschied die UNESCO, das
Alfelder Fagus-Werk in die Liste des Weltkultur-
erbes aufzunehmen. Den Antrag dazu hatte das
Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege
(NLD) in Hannover erarbeitet. Nachdem bereits
2010 der ebenfalls vom NLD vorbereitete An-
trag für die Oberharzer Wasserwirtschaft von
den UNESCO-Gremien in dieselbe Welterbeliste
erhoben worden war, ist der doppelte Erfolg in
Niedersachsen nun ein Grund zur besonderen
Freude.
Worauf ist die globale Bedeutung des Fagus-
Werks zurückzuführen? Das Aufblühen der mo-
dernen Architektur im 20. Jahrhundert manifes-
tiert sich aus deutscher Sicht in drei einzigarti-
gen Stätten, die hierzulande für die Welterbeli-
ste der UNESCO nominiert worden waren: dem
Dessauer Bauhaus als einem Ort des Lernensund
der Erziehung zu einem neuen Menschenbild
(Welterbeliste 2003), den Berliner Siedlungen als
Orten des neuen Wohnens (Welterbeliste 2008)
und dem Alfelder Fagus-Werk als einer innova-
tiven Stätte von Arbeit und Industrieproduktion.
In diesem Dreigestirn erstrangiger Architektur-
schöpfungen wird das 1910-14 erbaute Fagus-
Werk als bahnbrechender Beginn des Neuen
Bauens im 20. Jahrhundert betrachtet. Die epo-
chale Bedeutung des Fagus-Werks liegt in sei-
ner richtungweisenden Impulskraft für die Aus-
prägung des neuen Stils. Demgegenüber
kommt dem 1925-26 errichteten Bauhaus-
Hauptgebäude in Dessau - zeitlich getrennt
durch den wirtschaftlich und kulturell lähmen-
den Prozess des Weltkriegs - der Rang eines au-
ßergewöhnlichen Höhepunkts in der Architek-
turentwicklung des 20. Jahrhunderts zu. Das
Bauhaus verbindet man mit dem freien Denken,
das aus dieser Akademie umfassend tätige
Künstler der klassischen Moderne hervorbrach-
te. Mit ihren unterschiedlichen Funktionen sind
beide Gebäude wesentliche Bausteine des welt-
weiten gesellschaftlichen Wandels. Beide ver-
bindet jeweils „die Würde der gemeinsamen
Idee", die nach Walter Gropius' Auffassung Ler-
nenden und Lehrenden ebenso wie Arbeitneh-
mern und Arbeitgebern innewohnt.
Indem der Architekt Walter Gropius, gemeinsam
mit seinem Büropartner Adolf Meyer, im Fagus-
Werk den bis dahin oft beengten und meist oh-
ne höhere Gestaltungsansprüche entstandenen
Industriekasernen seine künstlerischen Gestal-

tungsprinzipien entgegenstellte, steuerte er der
Entfremdung des Individuums in der Industrie-
arbeit entgegen. Den Fabrikarbeitern wie den
Angestellten eröffneten er und sein damals kon-
genialer Auftraggeber Carl Benscheidt damit
völlig neuartige Identifikationsmöglichkeiten
mit den in mechanisch-maschineller Arbeit her-
zustellenden Massenprodukten. Die Produktion
sollte nicht nur dem Unternehmer Gewinn brin-
gen. Ganz im Gegenteil, im Fagus-Werk konn-
te auch Arbeitern und Angestellten die Arbeits-
umgebung mit ihren menschlichen Dimensio-
nen, mit guten Lichtverhältnissen und geordne-
ten Arbeitsabläufen menschenwürdig, ange-
nehm und vorteilhaft erscheinen.
Gropius hatte als einer der ersten mit dem Fa-
gus-Werk einen Industriebau zum Kunstwerk er-
hoben. Nahm der junge und enthusiastische Ar-
chitekt einerseits von seinem Bauherrn Ben-
scheidt die Idee auf, die Fabrikgebäude nach der
in Amerika entwickelten Rationalität der Be-
triebsabläufe zu ordnen, so gelang es ihm an-
dererseits in hervorragender Weise, den Baukör-
pern und Räumen vollendete Formen und klas-
sische Proportionen zu verleihen. Mit dem Ein-
satz innovativer Belichtungskonstruktionen, mit
der Reduktion auf geometrische Grundformen
und klare Kanten, mit dem Spiel moderner Ma-
terialien sowie dem Verzicht auf Stilreminiszen-
zen an traditionelle Bauformen verlieh er dem
Fagus-Werk künstlerische Schönheit auf höch-
stem Niveau. Im Gegensatz zu allen Sehge-
wohnheiten ließ er die ,Vorhangelemente' in
den Fassaden sogar an den markanten und des-
halb berühmt gewordenen Ecken vor die kon-
struktiven Tragelemente treten. Die waagerecht
gelagerten Fensterbänder bewirken zudem ein
gewichtlos erscheinendes Fassadenrelief - mit
der Folge, dass das bislang beherrschende archi-
tektonische Gestaltungsprinzip, nämlich die Las-
ten abtragende Gebäudetektonik, preisgege-
ben zu sein scheint.
Es steht außer Frage, dass die Ausnahmeerschei-
nung Fagus-Werk in ihrer Entstehungszeit nicht
isoliert betrachtet werden kann, sondern Teil der
vielen Reformbestrebungen fortschrittlicher Ar-
chitekten in Europa und Amerika ist. Doch im
Verhältnis zu parallelen Entwicklungserschei-
nungen der reformorientierten Bauschöpfun-
gen am Anfang des 20. Jahrhunderts verkörpert
das Fagus-Werk von Gropius zwischen 1910 und
1914 zum allerersten Mal eine konsequente
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