Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 40.1915

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DIE SCHACHTGRÄBER VON MYKENAI 155
teil sechs Sch acht gfäber mit ihren Schätzen1. Da-
bei wird man geneigt sein, die älteren Beisetzungen des IV.,
V. und VI. Grabes an den Anfang zu setzen, die späteren
Bestattungen in diesen Grüften und das II. Grab in die Mitte,
das I. und III. ans Ende der Reihe.
Somit bieten uns die Thongefässe der Schachtgräber
eine wichtige chronologische Grundlage. Sie lehren uns zu-
gleich, dass die Periode, in welcher auf Kreta die höchste
Blüte minoischer Kunst schon allmälig ihre volle Entfal-
tung überschreitet, in der Argolis durchaus noch nicht den
Höhepunkt der Entwickelung darstellt. Im Gegenteil, die
einheimischen Erzeugnisse sind einfach und gering, sie
bezeichnen geradezu einen Tiefstand, gegenüber den un-
vergleichlich viel höher stehenden Arbeiten älterer Zeit,
vor allem der Urfirnis-Ware. Überblickt man die Keramik
der Schachtgräber, so ist der stärkste Eindruck Unordnung
und verwirrende Vielseitigkeit. Eine, Reihe von Gattungen
treten in mehr oder minder vereinzelten Exemplaren auf,
nirgends kann man eine Entwickelung innerhalb derselben
Gattung verfolgen, es fehlt durchaus an einer einheitlichen
Richtung. So sieht es nicht im Mittelpunkt einer hochent-
wickelten Keramik aus, wohl aber in einer Gegend, die erst
anfängt, sich fremdem Handel und Verkehr zu erschliessen,
wo die Kunst in der Vielheit verschiedenartigen Imports
sich ihre Vorbilder und ihren Weg erst suchen muss.
Überhaupt muss immer wieder betont werden, dass die
Argolis bis zum Ende der mittelminoischen Periode eine
durchaus bescheidene, provinzielle Cultur aufweist. Dann er-
giesst sich auf einmal ein breiter Strom kretischen Einflusses
in die Ebene. Wir können das in Tirytis verfolgen, wo nach
den Scherbenfunden und Freskenresten der Bau des älteren
Palastes in diese Zeit fällt, noch besser in Mykenai, dessen
Burg überhaupt damals erst angelegt zu sein scheint. U n d
wir dürfen jedesfalls an nehmen, dass unsere
Schachtgräber die ältesten Fürstengrüfte von
Mykenai sind.

1 [So jetzt auch Fitnmen, Die kretisch-myken. Kultur (1921), 202 ff. 212]
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