Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 40.1915

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G. KARO

die Augen geraten, die zwar geöffnet erscheinen, aber dazu
noch einen quer gravierten Strich, die Linie der geschlosse-
nen Lider, tragen; sie berauben das Gesicht seines Ausdrucks.
Dagegen sind die Ohren richtig gestellt und wenigstens na-
turwahrer als bei den anderen Masken angegeben.
Dürfen wir hier ein Porträt erkennen, das älteste von
Europa? Man hat diese Frage bisweilen verneint1, ehe Evans’
Grabungen in Knossos uns jene wunderbaren Siegelabdrücke
geschenkt hatten, auf denen die Abbilder eines Fürsten und
eines jungen Prinzen erscheinen (Evans, Scripta Minoa I 272).
Dass diese beiden höchst eigenartigen Köpfe wirklich Porträts
sind, scheint mir gewiss. Besonders die ungewöhnlich starke
Nase, die niedrige Stirne und das zurückweichende Kinn sind
Beiden eigentümlich und sehr charakteristisch dargestellt.
Von unserer Maske unterscheiden sie sich ebenso wie von
dem gewöhnlichen minoischen Typus, wie ihn z. B. der Jüng-
ling mit dem Rhyton aus dem grossen Processionsfresco und
die chryselephantine Statuette in Boston zeigen2 * * * *.
Aber auch bei den beiden greisen Masken möchte ich
den Versuch einer individuellen Wiedergabe der einzelnen
Persönlichkeit annehmen, wenngleich man den ungeübten
Toreuten, welche diese Werke mit allen ihren groben Fehlern
schufen, keine vollgültigen Porträts Zutrauen mag. In der
heimischen Goldschmiedekunst — diese Masken sind ja gewiss
in Mykenai selbst entstanden—, zeigt sich hier jedesfalls ein
wesentlicher Fortschritt gegenüber den leeren, schematisch
gleichen Gebilden IV 254 und 259. Darum wird man letztere
den älteren, jene den jüngeren Bestattungen in diesen Grüften
zuweisen.
Das dritte Grab enthielt ausser drei Frauen auch zwei
kleine Kinder, die hier wie so oft, aller Orten und zu allen

1 Schuchliardt 265 und Perrot-Chipiez VI 799 erkennen unsere Masken
als Porträts an.
2 Der Jüngling z. B. bei Springer-Michaelis-Wolters, Kunst d. Alter-
tums10 (1915) 116; Antiqu. cret. III 12. Die Statuette bei Caskey, Amer-
Journ. Arch. 1915, Taf. 10-16. [Zum Rassetypus jetzt Rodenwaldt, Der Fries
des Megarons von Mykenai 49; Evans, Palace of Minos I 7 ff.; Bossert, Alt.
kreta Abb. 47-53. 135-138],
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