Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Hrsg.]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 40.1915

Seite: 181
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DIE SCHACHTGRÄBER VON MYKENAI

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Wie waren nun die Zacken mit dem Diadem verbunden?
Dafür bietet die Schlangengöttin in Boston leider keinen An-
halt. Zunächst muss mau sich zu jeder solchen Krone eine
Unterlage, eine Art Kappe aus starkem Stoff oder Leder den-
ken, auf der die einzelnen Schmuckteile befestigt waren1,
das Diadem vermittelst der Stiftlöcher in seinen Enden, die
Zacken durch das oben erwähnte Bronzeband, das sie zusam-
menhielt. Ausserdem deuten winzige Löcher in den Rändern
der mittleren Kreisbuckel sowie an den Spitzen der Zacken
darauf hin, dass diese durch feine Fäden, wohl aus Gold, zu-
sammengehalten wurden. Mau mag sich die vorderen Zacken
höher gestellt denken, sodass sie durch das hier viel breitere
Diadem nicht zu stark verdeckt wurden. Dass Diademe und
Zacken zusammengehören, scheint mir vor allem der Befund
des I. Grabes zu erweisen.
Also förmlich mittelalterliche Fürstenkronen in rnykeni-
scher Zeit! Wer sich darüber verwundert, sei auf den Kopf-
schmuck altertümlicher Idole wie Furtwängler, Aegina I
Taf. 108, 6. 109, 10 (S. 371 ff.) verwiesen und auch auf die ganz
ähnlich strahlengeschmückten 'Poloi’ klassischer Zeit2. Und
was die übermässige Höhe unserer Kronen betrifft, so er-
reicht sie kaum die unförmlichen Gebilde, welche die Schlan-
gengöttin von Knossos oder gar spätmiuoische Thonidole
von H. Triada3 tragen.
Wir haben bisher eine zweite Serie von sieben Zacken,
aus dem III. Grabe, nicht erwähnt (III 5; Schuchhardt 213,
Abb. 162; Stais S. 12 f.). Sie bestehen aus demselben dünnen,
schlechten Goldblech wie die Krone III 1 und tragen die-
selben Muster, zu denen nur noch bei einigen oben ein
doppeltes Spiralband hinzutritt. Charakteristisch für beide
1 Um einen ‘Polos’, wie den der Schlangengöttin ans Knossos (BSA.
IX 75) kann es sich nicht handeln; dagegen sprechen die Bostoner Sta-
tuette ebenso wie die verstärkten Ränder unserer Zacken, die nur dann
Sinn haben, wenn die Zacken frei standen. An einem 'Polos" hätte man sie
einfach festgenäht.
2 [Vgl. Val. Müller, Der Polos (Berlin. Diss. 1915) 1 1 ff. 28; zum falschen
Gebrauch des Namens Robert, Münch. Sitz.-Ber. 1916, 14 ff.].
3 Prinz, Ein Mützenidol aus Kreta, Festschr. z. Jahrhundertfeier der
Univers. Breslau (191 1), 577 ff.
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