Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 41.1916

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FORM UND BEDEUTUNG DER SITZENDEN GESTALT

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bei den in Vorderansicht gesehenen Kamelreitern auf attischen
Vasen1 freien Stiles auf.
D. Der auf der Erde sitzende und kauernde Mensch.
Wir wollen unsere Betrachtung des auf der Erde oder auf-
fallend tief sitzenden Menschen über die Grenzen des archaischen
Stiles ausdehnen, um klar hervorzuheben, daß es keineswegs
‘gelegentliche Zufälle’ sind, ‘wo jemand sich niederkauert’2,
sondern daß gerade dieses Motiv stets seine fest umgrenzten
Bedeutungen hat. Auch nachdem seit Polygnot die auf Felsen
und Terrainwellen sitzenden Gestalten häufig geworden waren,
wurde der Gegensatz zwischen diesen und den auf der flachen
Erde kauernden zwar gemildert, aber keineswegs völlig auf-
gehoben.
Den Griechen erschien das Kauern als eines freien Mannes
unwürdig, und mit Staunen bemerkten sie, daß es bei den
Barbaren anders war3. Ein auf der Erde sitzender Mensch
muß damals im Leben der bürgerlichen Gesellschaft ein ebenso
seltener Anblick gewesen sein wie heutzutage4. Robert5 hat
beobachtet, daß in der Tragödie — nicht freilich in der Komödie
— ‘nur Schutzflehende, Trauernde, Kranke und Sterbende
sitzen’. Immerhin besteht ein Unterschied zwischen dem Sitzen
mit ausgestreckten Beinen auf niedrigem Sitz oder auf der Erde
und dem sittenlosen Hocken und Kauern mit angezogenen
Knieen; die Kunst pflegt beide Haltungen je nach dem Inhalt
der Darstellung zu scheiden.
I. Wir beginnen unsere Übersicht mit den Wesen, die außer-
halb oder unterhalb der Sitte stehen. Es sind:

1 Aryballos in London (Brit. Mus. E 695. Furtw.-Reichhold Taf. 78).
Pelike, früher Durand (M. d. 1. I 50).
2 Bulle, Der schöne Mensch im Altertum2 Sp. 402.
3 Herakleides von Kyme (bei Athen. IV 145 c) und Poseidonios
(bei Athen. IV 152 f) über die Perser. Strabon (IV 3) und Diodor (V 28,4)
über die Gallier.
4 Wenn man im heutigen Griechenland viele Kauernde sieht,
besonders Bauernfrauen auf dem Lande, so ist das der Nachwirkung
türkischer Sitte zuzuschreiben.
5 Hermeneutik 200.
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