Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 41.1916

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FORM UND BEDEUTUNG DER SITZENDEN GESTALT

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Kleinen in allen möglichen Stellungen am Boden kriechend
und hockend vor Augen führen. Wie stark die Nachfrage nach
Kinderdarstellung seit dem IV. Jh. war, zeigen uns weniger die
Grabsteine1 als die Menge der Weihgaben, wie sie uns z. B.
aus dem Tempel von Kurion2 erhalten sind. Der Hellenismus
bringt dann gerade auf dem Gebiete der Kinderplastik die
reifsten Schöpfungen hervor wie das Knäbchen mit der Fuchs-
gans in Wien3 oder die Knöchelspielerin Colonna4.
IV. Nur bei zwei Gelegenheiten im menschlichen Leben
wird das Sitzen auf der Erde von der Sitte geradezu gefordert:
bei Hochzeit und Totenklage. Freilich sind die Monumente,
die für uns in Betracht kommen, auf beide sehr ungleich verteilt.
8. Daß die Brautführer als Wächter auf der Schwelle des
Thalamos sitzen, wird uns durch die Autoren nicht direkt
bezeugt5. Trotzdem hat man den am Boden sitzenden Jüngling
auf der Aldobrandinischen Hochzeit6 gewiß mit Recht als sterb-
lichen oder göttlichen Brautführer (Hymenaios) gedeutet, und
diese Erklärung wird durch einen schönrf. Krater in Corneto7
bestätigt. Dort ist es ein Siien, der, auf der Schwelle des
Brautgemaches sitzend, seinen Herrn und Meister Dionysos
als den Bräutigam erwartet.
9. Trauernde Menschen, die auf der Erde sitzen, haben wir
schon auf ägyptischen Reliefs und geometrischen Vasen kennen
1 Conze, Att. Grabreliefs Nr. 1052.1053 S. 225. Plast. Gruppe auf einer
weißgr. Lekythos nachgebildet: Riezler, Taf. 22. Pfuhl, Malerei Abb. 533.
2 Cesnola Collection 1 pl. 130 —132, II pl. 44.
3 Bulle, Schöner Mensch Taf. 187 r. Vgl. Herondas IV 31. Dazu
Herzog, Öst. Jh. VI 1903, 215ff.
4 Br.-Br. 520.
5 Vgl. Heckenbach, RE. VIII 2131.
6 Nogara, Le nozze Aldobrandini tav. V. Bulle, Schöner Mensch
Taf. 317. Pfuhl, Malerei Abb. 709. Deutung von Robert, Hermes XXXV
1900, 657. Die von Buschor (Furtw.-Reichh. III S. 273) vertretene Deutung
des Jünglings auf Herakles als Bräutigam befriedigt nicht, weil man sich
den künftigen Gatten lieber in siegreichem Glanz ins Brautgemach ein-
ziehend als auf der Schwelle wartend denkt. Auch wird der feinste
Reiz des Bildes, in dem alles Erwartung ist, zerstört, wenn der Bräutigam
schon anwesend ist. Das Sitzmotiv des Hymenaios leitet sich von dem der
Satyrn des Lysikrates-Denkmals her (Springer-Wolters12 325 Abb. 600).
7 Museo Civico 4197. Arch. Jb. XXXIV 1919, 133 Abb. 32.
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