Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 48.1923

Page: 154
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/am1923/0168
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
154

ERNST PFUHL

einfachen Formeln einer Verpflanzung und Beeinflussung von
außen zu erklären sucht — wobei dann die Frage nach dem
Wesen und Werden dieses Fremden selber, und damit die ganze
Frage im tieferen geschichtlichen Sinn unbeantwortet bleibt.
Dies ist eine Folge der materialistischen Geistesrichtung des
späteren XIX. Jahrhunderts, die einem wirklichen geschichtlichen
Einleben geradezu einen Riegel vorschob. Das zu grobe Werk-
zeug der Forschung durchbrach auch immer wieder die Schranken
unserer Erkenntnis, und das viel zu dichte Herantreten an den
Gegenstand hat in dem Ton der Individualnamen, welche die
‘Zunftsprache’ den Kunstwerken beilegte, einen äußerst pein-
lichen Ausdruck gefunden.

Dies ist nur der gröbste Fall dessen, worauf man fort-
während stößt: die Einsetzung benannter Größen auch da, wo
die kritische Überlegung sich mit unbenannten bescheiden muß —
grundsätzlich nichts anderes als die unkritische Konstruktion
von Persönlichkeiten und Laufbahnen der Künstler mit voll-
kommen unzureichenden Mitteln. Darüber haben Curtius und
von Salis das Nötige gesagt, ohne damit einer unfruchtbaren
Skepsis das Wort zu reden 1; was sie mit der einen Hand neh-
men, geben sie mit der anderen, und Curtius wird dem Sym-
bolwert hypothetischer Konstruktionen durchaus gerecht. Das,
woran man sich heute stößt, ist der Tribut, den die ersten Er-
forscher der neu entdeckten archaischen Kunst ihrer Zeit und
dem Stande der Forschung gezahlt haben; durch den hier un-
vermeidlichen Hinweis darauf sollen ihre sehr großen Verdienste
und Leistungen, die aller künftigen Forschung den Boden be-
reitet haben, beileibe nicht herabgesetzt werden. Diese Lei-
stungen liegen ja auch keineswegs nur in dem, was am Ende
die Hauptsache ist: die Wiedergewinnung der Werke selber aus
unzähligen verstreuten Trümmern. Wieviel ordnende und er-
klärende Gedankenarbeit ist von Winters grundlegendem Auf-
satz über den Kalbträger bis zu Schraders Auswahl archaischer
Marmorskulpturen geleistet worden, wie oft ist es zumal Schrader
gelungen, das kiinstlerische Feingefiihl, das sich in so vielen
überraschenden Zusammensetzungen glänzend bewährt hat, auch

1 Brunn-Arndt, Denkmäler, Text zu T. 601 ff., 20 ff.; Arch. Jahrb.
XXVIII 1913, 25.
loading ...