Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 48.1923

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BEMERKUNGEN ZUR ARCHAISCHEN KUNST 155

in Worten auszuprägen und damit ebenso für das geschicht-
liche wie für das ästhetische Verständnis fruchtbar zu machen.

Schrader selbst hat denn auch schon einen bedeutsamen
Schritt auf dem hier verfolgten Wege von den voreilig benannten
zu den unbenannten Größen getan: er schließt aus den indi-
viduellen Zügen so vieler Gesichter nicht mehr aus heutigem
Empfinden heraus auf bildnismäßige Naturnachahmung, sondern
erklärt sie psychologisch aus den besonderen Schaffensbedin-
gungen der Kiinstler dieser Epoche 1. Geht man diesen Weg zu
Ende, so wird man auch manchen Einzelausdruck zu gegen-
ständlich finden und nur als bildlich fiir die Verständigung durch
Beschreibung gelten lassen. Gewiß macht uns jene späte
schlanke Kore den Eindruck, als ob ihre Augen hochmütig
zwinkerten und ihre Lippen verächtlich zusammengekniffen seien 2;
aber bei diesem ‘als ob’ muß es bleiben; der Ausdruck ist
nicht als solcher gewollt, sondern aus dem Streben des Kiinst-
lers hervorgegangen, die naive Drastik des Dreinblickens und
Lächelns zu verfeinern. Auch die Euthydikoskore soll ja nicht
miirrisch, sondern nur ernst sein; der Kiinstler hat aber in be-
wußtem Gegensatze zu seinen Vorgängern des Guten etwas
zuviel getan 3. So tritt auch hier die unbenannte Größe an
die Stelle der benannten. Ebenso wenig ist je ein rätselhafter,
sphinxartiger Ausdruck gesucht, hier so wenig wie bei der
Berliner Göttin oder bei dem Mumienbildnis eines Mädchens
in Straßburg 4 *: es sind in der archaischen Kunst Zufallswirkungen
einer verfeinerten Unbestimmtheit des Ausdruckes, eines für uns
gewiß ungemein anziehenden Schwebens zwischen den oben
angedeuteten Extremen; und bei dem Mumienbildnis beruht

1 Auswahl 4 f.; vgl. meine Bemerkungen N. Jahrb. XLV 1920, 50,
wo ich im übrigen noch der alten Hypothese gefolgt bin; sie erwies
sich mir erst bei neuer Durcharbeitung der archaischen Plastik nach
dem Besuche Griechenlands als untauglich.

2 Nr. 685; Schrader, Auswahl 31 T. 7 f. Ähnliche Bemerkungen
über den bekleideten Kuros von Samos wird Curtius gewiß auch nicht
wörtlich verstehen wollen (A. M. XXXI 1906, 170 f. T. 10 ff.).

3 Nr. 686; Auswahl 32 ff. (Winter 219, 3 ff.).

4 Nr. 674; Auswahl 27 ff. (Springer-Wolters 12 T. 7; Winter 217, 3);

Ant. Denkm. III T. 37 ff. (Wolters 227); Springer-Wolters 12 T. 16 ( 10 T. 17).
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