Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 48.1923

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BEMERKUNGEN ZUR ARCHAISCHEN KUNST

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weiblichen Charakter der Proportionen und in den Einzelformen.
Allein der Zusammenhang mit der alten Statuette bleibt überall
deutlich.

'Für den Kopf kann man die schon erwähnte Kore im
Peplos vergleichen; nur war unser Meister nicht so bedeutend
wie der Schöpfer dieses einzigen Werkes. Deshalb bedarf es
einer gewissen entwicklungsgeschichtlichen Anstrengung, um den
Fortschritt als solchen anzuerkennen. Denn trotz seiner viel
altertümlicheren Formgrundlage wirkt der Kopf der Kore im
Peplos so überzeugend natürlich, ist die Unmittelbarkeit der
künstlerischen Anschauung so groß, daß man bei der jiingeren
Kore viel mehr den Verlust an einfacher Größe und Frische
sowie die Abzweigung der Formgebung zu manieristischer Über-
treibung spiirt als den entwicklungsgeschichtlichen Zusammen-
hang und den Fortschritt in der allgemeinen Annäherung an die
Natur. Vielerlei davon ist dennoch deutlich, von dem feinen
Kinne bis zu dem großen Ohr; am stärksten ist die Umbildung
in der Einbettung der Augen und der Form des Mundes und
seiner Umgebung. Darin zeigt die andere Kore unseres Meisters
leichte Unterschiede; sie ist noch etwas manieristischer, das
Lächeln und das Hervorquellen des Augapfels ist ausgeprägter,
das Haar weniger großzügig. Alle diese Zusammenhänge und
vollends die Vasenmalerei, aus welcher man im besonderen
den Kopf der Athena von der Geryonesschale des Euphronios
verglichen hat 1, zeigen deutlich, wie gut diese Koren sich dem
Rahmen der attischen Kunst einfügen 2. Ein kleiner Schritt
weiter fiihrt zu dem Kopftypus des delphischen Schatzhauses
der Athener und der Eurystheusschale des Euphronios 3. Das
leichte Bliitenornament des Diademes ist in der Vasenmalerei
schon bei Andokides ähnlich 4. Zu den manieristischen Zügen
steht die kräftige Kerbung des Haares, zumal in der massigen
Seitenansicht, in fühlbarem Gegensatz — auch das in dieser
Zeit ein Zeichen für attischen Ursprung.

1 von Lücken, A. M. XLIV 1919 T. 2, 10.

2 Vgl. die beiläufige Bemerkung von Rodenwaldt, A. M. XLVI 1921,34.

3 Fouilles IV T. 39 ff.; Furtw.-Reichh. T. 23 (Malerei III T. 128 ff.);
von Lücken T. 4, 19.

4 Lermann, Altgriech. Plastik T. 19; Furtw.-Reichh. T. 111, 133.

ATHENISCHE MITTEILUNGEN XXXXVIII 1923. 12
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