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Badische Fundberichte: amtl. Nachrichtenbl. für die ur- u. frühgeschichtl. Forschung Badens — 21.1958

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https://doi.org/10.11588/diglit.43788#0158
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Albrecht Dauber

nach Mitteldeutschland, die im Falle Gerlachsheim weit über die Typenableitung hinaus-
gehend zu sehr nahen Vergleichen mit der Gruppe Haßleben-Leuna Anlaß geben. Dar-
über hinaus regen aber die Gerlachsheimer Gräber noch zu einer individuellen Ausdeu-
tung des Befundes an, wie sie in dieser Dichte bisher kaum bei einem Fund des 4. Thdts.
möglich war.
Bei dem Doppelgrab 3/4 kann die zeitgleiche Bestattung der beiden Frauen als gesichert
angesehen werden. Wägt man ihre Ausstattung mit Beigaben unter der Vermutung ab,
daß Teile des Grabes 3 bei der Auffindung durch den Bagger verloren gegangen sein
können, so darf diese als gleichwertig bezeichnet werden. Dazuhin hat die anthropo-
logische Bearbeitung durch K. Gerhardt (vgl. Anhang I) wesentliche Gesichtspunkte
dafür erbracht, daß die Bestatteten in nahem verwandtschaftlichen Verhältnis zuein-
ander gestanden haben. Bei dem geringen Altersunterschied von 22—23 und 20 Jahren
ist der Gedanke an ein gleichzeitig bestattetes Schwesternpaar mehr als naheliegend.
Bei den Gräbern 1 und 2 muß nach der Fundgeschichte sicher mit dem Verlust von
Fundstücken gerechnet werden. Trotzdem läßt der trümmerhafte Befund erkennen, daß
es sich um überdurchschnittlich ausgestattete Gräber gehandelt haben muß, die an
Reichtum den Gräbern 3/4 nicht nachgestanden zu haben scheinen. Leider sind aus die-
sen beiden ersten Gräbern keine anthropologisch verwertbaren Reste erhalten geblie-
ben. Unwillkürlich erhebt sich ja doch die Frage, in welchem Altersverhältnis das
Schwesternpaar aus Grab .3/4 zu den beiden in den Gräbern 1 und 2 Bestatteten gestan-
den haben möge. Archäologisch können die vier Gräber nach heutigem chronologischem
Wissen nur als gleichzeitig im engsten Sinne bezeichnet werden. Nur der Vergleich des
individuellen Lebensalters hätte allenfalls Anhaltspunkte ergeben können für die sehr
naheliegende Frage, ob in den Bestatteten der Gräber 1 und 2 nicht etwa die Eltern des
Schwesternpaares aus Grab 3/4 zu sehen seien. Wir hätten dann in Gerlachsheim den
Bestattungsplatz einer Familie und zweifellos denjenigen einer vornehmen Familie vor
uns. Wenn aber diese enge Verknüpfung der Gerlachsheimer Gräber als einen Schritt zu
weit gehend angesehen werden sollte, so kann über die sippenmäßige Zusammengehö-
rigkeit der vier Bestatteten jedenfalls kein Zweifel aufkommen.
Die Einzelbetrachtung konnte neben dem Nachweis vieler Beziehungen zum mittel-
deutsch-elbgermanischen Fundstoff auch einzelne Fäden aufdecken, die direkt in das
Gebiet der mitteldeutschen Skelettgräbergruppe um Haßleben-Leuna führen. W. Schulz
bringt das Abklingen der mitteldeutschen Fürstengräberkultur im 4. Jhdt. in Zusam-
menhang mit der Inbesitznahme der ehemals römischen Gebiete an Rhein und Donau
durch die Alamannen.74) Auch Thüringer Germanen, und zwar gerade vornehme Fami-
lien, hätten sich an ihr beteiligt. Die Gerlachsheimer Gräber scheinen dies wie kein
zweiter südwestdeutscher Fund zu bestätigen. Inzwischen hat J. Werner75) den Nachweis
geführt, daß die Erscheinung reich ausgestatteter Einzelgräber im 4. Jhdt. in sehr gleich-
mäßiger Ausprägung auf dem weiten Raum zwischen Seine und Elbe sich vorfindet und
als gemeingermanische Erscheinung weiter Gebiete des freien Germanien in den Laeten-
gräbern Belgiens und Nordfrankreichs das germanische Volkstum dieser Foederaten-
74) Schumacher-Festschrift, 321.
75) Zur Entstehung der Reihengräberzivilisation. Archaelogia Geographica 1, 1950, 23 ff.
 
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