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Ach, was die Leute für Augen machten! Und das merkwürdigste war, daß er ohne Krücken 37
ging, gerade und aufrecht, auf gesunden Beinen.
Aber die Leute sollten sich noch über mehr verwundern.
Der Messerschleifer legte seinen Arm um des Königs Schulter und rief: Schwester, ich habe
unsern Bruder gefunden. Schau ihm auf den Schopf. Da sitzt der rote Hahn im schwarzen Nest.
Und die Frau vom Mondgarten rief ihm entgegen: Bruder, ich habe unsere Schwester gefunden!
Sieh doch ihr Fingerchen an der rechten Hand, wie es goldig blitzt.
Sonntag, Fingerlein von Gold!
Wie! rief der König und horchte auf. Nun weiß ich wie das Lied weiter geht:
Sieben Geschwister sind sich hold.
Sonntag: Fingerlein von Gold.
Und nun fuhr der andere fort und rief:
Montag: Öhrlein silberblau.
Dienstag: Zehe eisengrau.
Mittwoch: Hahn im Neste sitzt.
Die Geschwister umarmten sich in unsäglicher Freude.
Da rief es auf einmal von der entgegengesetzten Seite der Burg:
Feuer! Feuer! Es brennt!
Aus der einen Stimme wurden zehne, und die Leute sprangen über den Rasen und die Mittel-
torhalle in einen der hinteren Höfe.
Platz für den König! riefen die Herolde. Die Leute wichen auf die Seite, und der König
schritt mit seinen Geschwistern auf das große Waschhaus zu. Die Türe und die Läden waren
geschlossen. Aber aus den Ritzen leuchtete zuckender Flammenschein.
Der König öffnete die Türe und sah in den Raum, der von falbem Gewitterleuchten erfüllt war.
Der König stand einen Augenblick auf der Schwelle. Dann rief er mit starker Stimme:
Donnerstag! Hüte Dich! es blitzt!
Er breitete seine Arme aus und rief: Mein Bruder! Kennst Du mich denn nicht? Ich bin
Mittwoch, Dein Bruder, dem der Hahn im Neste sitzt. Hier sind Deine Geschwister: Sonntag,
Montag und Dienstag.
Du bist Donnerstag, riefen die anderen. Wir alle haben das Wetterleuchten auf Deiner Stirne gesehen.
Du sollst auch unsere Zeichen schauen und erkennen, daß wir Deine Geschwister sind.
Das Wetterleuchten war vorbei und es war ganz finster geworden. Jetzt aber hörten sie eine
flehende Stimme in ihrer Mitte.
O, Herr König, Ihr seid es. Ich erkenne Euch an dem Klang Eurer Worte. Helfet mir und
rettet mich! Euer Arzt hat mich hier überfallen. Er hat mich zwingen wollen, meine Augen zu
öffnen. Aber ich habe sie fest geschlossen, denn er wollte sie ausbrennen. Er hat flüssiges Feuer;
das hat er mir auf den Augendeckel getropft. Aber trotzdem habe ich die Augen nicht geöffnet,
denn ich fürchtete das Feuer. Jetzt aber schlage ich sie auf. Ich bin Prinzessin Abendschön.
 
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