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6o Und fühlst Du, wie kalt, wie eiseskalt seine Hände . . . seine Wangen . . . seine Lippen?
Mir ist, als friere alles an mir! Alles Leben nimmt er von mir!
RECHA: So komm doch! Wir finden es anderswo besser und ich schaffe Dir zehn Geliebte,
schöner als er!
(Sie späht zum Fenster hinaus.)
Es wird unruhig. Noch einmal, geh mit! Mache keine Possen! Oder ich lasse Dich allein!
MIRJAM: Fort? Von hier? Von ihm? Du Jämmerliche, er ist doch zu mir gekommen, so
oder so! Und ich soll ihn verlassen? Hier bleib ich! Ich will die Schergen erwarten! Ich will
ihn mit Rosen kränzen! Ich will ihn mit Nardenöl salben! Ich will ihn mit Spezereien . . .
ich will mit Lilien . . . Ich will ihn lebendig . . . ich will ihn gesund küssen . . . Wenn ich
ihn so halte . . . so . . . und Leben aus seinen Lippen sauge . . .
(Sie stößt ein irres Lachen aus.)
O mein einzig ersehnter Geliebter!
(Sie sinkt wieder in ihre vorige Betäubung zurück.)
RECHA: Der Schmerz hat sie der Sinne beraubt, Soll ich mit ihr zu Grunde gehen?
(Sie tritt zu ihr und rüttelt sie hastig.)
Mirjam, ich lasse Dich allein, wenn Du nicht kommst! — Sie rührt sich nicht! Ich gehe!
Eine Närrin war sie, so lange ich sie kannte! — Soll ich ihretwillen verderben?
(Sie lauscht ängstlich, auffahrend.)
Schritte durch die Nacht! hinweg!
(Sie nimmt eilig das Juwelenkästchen und huscht an ihr vorbei durch die Türe. Als sie
außen ist, tritt ihr aus der tiefer gewordenen Monddämmerung der Rabbi entgegen. Sie
fällt bebend auf die Knie, rafft sich wieder auf und verschwindet im Dunkel der Nacht.)
Der RABBI (ihr nachschauend): Zieh hin, Du wirst keinen Teil mehr an ihr haben!
(Er tritt der über die Leiche hingeworfenen Mirjam näher und berührt sie mit der Hand.)
Mirjam!
MIRJAM (mit irren Blicken zu ihm aufschauend): Du? Der Rabbi? Was willst Du?

Der RABBI (einfach und gütig): Mirjam, ich bringe Dir den Frieden!
 
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