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g0 Des Mädchens dunkles, großzügiges Gesicht mit der feinen geraden Nase über dem schöngeformten
Munde rötete sich langsam. Sie hatte sich von jeher stärker gedünkt als ihr Bursch. Den
kleinen, bartlosen, hellfarbigen, immer milchsuppenhaft sauber aussehenden Martin behandelte
sie mit einer gewissen Selbstverständlichkeit von oben herab. War nicht jetzt sie die Schwächere?
Sie, die Zurückbleibende, deren Lebensinhalt, Stern und Krone gegangen. Die Erkenntnis der
qualvollen Entsagungsnotwendigkeit war ihr der Engel mit dem Feuerschwert.
So ist das Weib, die Dame der Gesellschaft und die Frau aus dem Alltag, schwächer als der
schwächste Mann im rücksichtslosen Erraffen des eigenen Glückes; aber stärker als der
Stärkste im Entsagen. Hinaus aus dem Paradies erfüllter Wünsche, vorbei am Engel mit
dem feurigen Schwert schritt stolz erhobenen Hauptes das Mädchen, das Erkenntnis gewonnen.
— Martin aber gab nichts auf, er hielt fest und kämpfte. Fort aus dem Halt der menschlichen
Gemeinsamkeit war er gerannt, zur Einsamkeit der Sponeck. Hier ist alles Sage, Erinnerung.
Sie ersetzt Wald und Feld, Schatten und Quell und treibt aus Ruinen üppige Blumen. An
der trostlosen Klippe am Rhein, am ragenden Steingeröll über den Altwassern klingt’s in stillen
Nächten von Waffen und die Halden triefen vom unvertrockneten Heldenblut. Die Romantik
ist hier bodenecht, sie lauert in eingerissenen Schluchten, tönt aus verfallenen Mauern und
Hügelgräbern gefallener Helden. Nicht mit der Taktik sanften Schmeichelns betäubt sie
hinterlistig den Beschauer, die Raubritterfeste steigt trotzig auf, sich ihrer unüberwindlichen
Kraft bewußt. Den Sohn des hier wurzelnden Geschlechtes, überfällt sie mit dem Befehl:
„Lerne denken. An der Vergangenheit miß die Gegenwart und plane die Zukunft. Das kann
dich retten.“
An ein Stück brandgeschwärzter Cyklopenmauer gelehnt, stand Martin und weinte auf geballte
Fäuste. Er war eine von den Naturen, die erst einen Stoß brauchen, bevor sie das, was ihnen
im Leben begegnet, zum eigenen Vorwärtskommen verwerten. Die Bahn des Erkennens, das
solchen Leuten in vielen Fällen überhaupt nicht kommt, war für Martin durch die gemeinsame
Gewalt von Schmerz und Entschluß aufgetan worden. Beinahe zugleich mit der bestimmt
formulierten Erkenntnis: „ich muß festes Einkommen halben, irgend wie erraffen“, zugleich mit
dieser stieg vor ihm ein um Wochen zurückliegendes Erlebnis auf. Eine markige Gestalt im
zweifarbigen Rock. „Wie hatte der Gendarm gesagt, als er im Wirtsgarten sein Viertel Wein
trank?“ „Tschummi“, winkte er, „geh zum Bezirksarzt nach Breisach. Laß Dich beschauen,
hinterher, mag leicht sein, er hat was für Dich.“
Solang Martin nur der Mann aus dem Werktag gewesen, der harmlose, dem Glück das Gute
zutrauende, hatte er kaum hingehört, nun aber raunten die Geister der Nacht in den Ruinen
die Worte abermals. Für den Burschen gewannen sie andern Wert, als da sie aus der Brust
mit blanken Kugelknöpfen kamen. Er sah nun eine Leiter drin, an deren Sprossen er ein
Emporklimmen versuchen wollte ...
Im Brombeergeranke und Steingeschotter der Raubritterfeste kam der Schlaf über Martin. Die
Ruinen der Sponeck türmten sich in Kuppeln und Gewölben von allen Seiten um ihn, ein kaum
 
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