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waren zu erfüllen und die erfüllte er auch mit einem Gesichte, von dem der Ernst und die m
Überzeugung von der Verantwortlichkeit seines Tuns nicht wich. Hatten die „Wiwervölker“
Wäsche und erschienen deshalb nur ab und zu im Haus, hatte er den alten Herrn glücklich
in den Wald expediert und den „Amerikaner“ etwa ins Städtchen, so war Franz seelig. Jetzt
war er Herr, jetzt konnte er tun und lassen, was er wollte; pfeifend, lebensfroh und zufrieden
bediente er die Gäste, ja er ließ sich sogar zu einer leutseligen Konversation mit ihnen herbei.
Mir ließ er seine Überlegenheit dann doppelt fühlen. Auch Trinkgelder änderten nichts an
seinen feindlichen Beziehungen zu mir, er nahm sie ohne mit der Wimper zu zucken, ohne
Dank, ohne Bewegung, ja mit einer gewissen Geringschätzung.
Ich hatte gut Kundry und Parsifal spielen, er ließ sich nicht verlocken. Daß ich wirklich aus
der Stadt, also reich sein müsse, denn alle Leute in der Stadt waren in seinen Augen reich,
ging ihm gar nicht ein; er beargwöhnte mich und versuchte auch der Wirtin Argwohn
einzuflößen. Da ich nicht viel Wein trank, flüsterte er ihr immer zu: „Die gunnt sich nit
emol en Schoppe Wein!“ Daran maß er natürlich meine Zahlungsfähigkeit. Auch trug ich
keine seidenen Kleider, keine Blumen und Federn auf dem Hut, zog kein Spitzentaschentuch
aus der Tasche und drehte keine Ringe an den Fingern.
Daß ich die Hunde gern mitnahm auf meinen Spaziergängen, beunruhigte ihn sehr, besonders,
nachdem ich mich dem alten Herrn gegenüber ausgesprochen hatte, daß der Hühnerhund ein
sehr wertvolles Tier sei.
„Hätt’ sie sie wieder z’ruckbroohcht?“ frug er dann wohl, oder: „Isch sie d’obe der Stueb?“
Ja, zuzeiten schaute er selbst nach, kam, ohne anzuklopfen, in mein Zimmer gestolpert und
ging, nachdem er einen Blick auf meine noch vorhandenen Koffer getan, wortlos wieder weg.
So weit ging sein Haß, so sehr war er mir feind, so wenig konnte er mir verzeihen, daß ich
ihn für ein Nachbarskind gehalten, wo doch die „Maidli“ schon anfingen, Blicke nach ihm zu
werfen.
An den letzten Tagen vor Weihnachten fielen einige Hoffnungsstrahlen in das Dunkel unserer
Beziehungen. Franz fing an, mir die Zeit zu bieten, allerdings mit abgewendetem Gesicht und
einer kontinuierlichen Handbewegung unter der Nase weg, wie wenn er hobeln wollte, — ich
vermute seine Art sich zu schneuzen. Woher kam diese scheu erwachende, zarte Freundlichkeit?
Ich zerbrach mir den Kopf darüber, bis ich sah, daß seine Augen dem Briefboten, der mir
fast jeden Tag Briefe und Pakete brachte, mit Interesse und Respekt folgten. Also das war’s!
Es besserte sich noch mehr als mein Mann kam. Sogar das „Hobeln“ stellte er ein und
wandte uns sein Angesicht zu. Überraschend gut ward es am Christabend, als Franz von
uns seine Geschenke empfing. Das Geld rührte ihn nicht sonderlich, aber daß es ihm in einem
abgelegten Geldbeutel von mir serviert wurde, das stimmte ihn weich, auf seine Art, denn
Franz war sehr für angenehme persönliche Beziehungen. Seine Hochachtung über die
dargereichte Zigarren drückte er dadurch aus, daß er meinem Manne eröffnete, er hätte sie in
drei Teile zerschnitten, da sie doch wenigstens neun Pfennig kosteten und er gewohnt sei, zu
 
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