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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 3.1905

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https://doi.org/10.11588/diglit.52694#0028
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22 nicht mehr an, wenn er manches in der Münchener jungen Kunst auf irren Bahnen wußte.
„Trotzdem bin ich furchtbar gerne hier, wo ich mich täglich mit eigenen Augen über das
Wollen unserer neuesten Zeit überzeugen kann; in dem stillen Freiburg klang dieser „Schlacht-
lärm“ immer so bedeutend herüber, daß ich mich recht gedrückt fühlte. Hier kann ich mich
beruhigen und wenn ich in die heiligen Hallen gehe, wo Dürer und Martin Schaffner, Schongauer
und Dirk Bouts sich miteinander so feierlich unterhalten, dann empfinde ich eine Seligkeit, die
mich selbst und die Zeit vergessen macht. Was kann ich mehr wollen? Im stillen werde ich
vielleicht selbst ganzer, verdichteter und lerne mich noch der Arbeit freuen, wer weiß!“ —
Er war „weltfern“ geworden in seiner Kunst. Vor den altdeutschen Meistern fühlte er es täglich
klarer, wurde es ihm täglich sicherer, daß man nach Dürers Wort die Kunst aus der Natur
herausreißen müsse, daß Kunst mehr sei als bloße Naturnachbildung und beliebige Material-
verwendung. In diese Zeit fällt auch die Erfüllung seiner brennendsten Wünsche in bezug auf
ein der Darstellung gemäßes Material. H. Ludwig in Rom war durch gründlichste Studien an
den alten Meistern zur Überzeugung gekommen, daß in der Führung ihrer Technik und in
ihren soliden Malmitteln die wunderbare Dauerhaftigkeit ihrer Gemälde, der Glanz und die
Klarheit ihrer Farben begründet sei. Mit genialem Spürsinn ging er auf die Neuentdeckung
dieser Technik und Malmittel aus. Und er fand sie. Die von ihm in den Handel gebrachten
Petrolfarben gestatteten unter gewissen Bedingungen ein je nach Bedürfnis langsamer oder
schneller fortschreitendes Arbeiten. Sie gaben Gewähr für Haltbarkeit und Leuchtkraft der
Farben. Lugo hat an der Entstehungsgeschichte dieser Farben seinen vollen Anteil. Er lernte
in diesen Farben aber auch das Darstellungsmaterial kennen und gebrauchen, das seiner Natur,
seinem künstlerischen Empfinden und Tun entsprach. Mit Hilfe der Ludwigschen Farben
gewann er volle Freiheit und Herrschaft in den Darstellungsmitteln. Was er von jetzt an
schafft, gehört zum Reifsten, was die deutsche Kunst überhaupt hervorgebracht hat. Schon im
Spätherbst 1888 schreibt er in sein Tagebuch: „Erster Versuch im Sinne der alten Deutschen
die Technik zu führen“ und 1890 wird der „erste Versuch“ vollendet und der zweite ausgeführt.
Damit hatte Lugo das letzte Mittel seiner Darstellungskraft erreicht: Die ihm gemäße Technik.
Ein volles Menschenalter hat er um die Darstellungsmittel gerungen, Beweis genug, wie wichtig
ihm das „Handwerk“ in der Kunst, wie verächtlich ihm die deutsche „Reichsmalweise“ war.
Jetzt durfte er es aussprechen: „Die Kunst ist die Brille, durch die der Künstler die Natur sieht.
Je besser das Glas, desto klarer die Natur. Der Maler sieht die Natur durch seine Mittel der
Darstellung (die Bildfläche und Farben). Je besser er die Fähigkeit dieser Mittel kennt, desto
künstlerisch klarer sieht er die Natur. Es handelt sich also doch wohl darum, daß er diese
Mittel in möglichster Vollkommenheit kennen lerne; dadurch erwächst ihm sein Sinn, seine
„Gesinnung“ der Natur gegenüber, dann erst kann er sie verwenden, um das zu „bilden“, was
er nie sieht.“ ....
In dieser gesegneten Zeit werden die Träume seiner Jugend wahr. Die herrlichen Kunstschätze
Münchens, die große Natur draußen am Chiemsee, wo die freien Linien des Chiemgaus sich
 
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