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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 3.1905

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https://doi.org/10.11588/diglit.52694#0086
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8o

UGO WOLFS MANNHEIMER TAGE Von Oscar
Grohe. In dieser Zeit der Schillerbegeisterung mußte ich häufig meines lieben
Freundes Hugo Wolf besonders lebhaft gedenken und wenn Naumann in einem
Festvortrag die Meinung vertrat, das Charakteristikum Schillers sei sein Pathos, d. h. sein
„stürmender Wille“ gewesen, so war ich mir bewußt, daß auch in Wolf jener „stürmende Wille“
lebte, jener heftige Wille, seine künstlerischen Ideale ins Leben zu tragen. Aber im Gegensatz
zu dem großen Dichter, der sich aus dem stürmischen Gebahren der Jugendtage zu dem
ruhigen Gleichmaß seiner Mannesjahre durchgerungen hat, war es Wolf versagt, zu jener
inneren Ruhe und Abgeklärtheit zu gelangen, mit welcher er das Leben samt all seinen All-
täglichkeiten und seinen Hemmungen hätte bezwingen können. Er litt am Leben, es verwundete
ihn, war ihm zumeist feindlich gesinnt. Nur wo er wirkliche Teilnahme an seinem Schaffen,
wo er gläubige Liebe fand, da schwanden alle Härten und Kanten seines Wesens, da gab er
sich vertrauensvoll und dankbar, fast kindlich hin. Fast paßten auch auf seine sensible Art,
wie sie jedem Eindruck unterworfen war, die Worte, mit welchen Wagner seinen Tannhäuser
geschildert hat: „Als das mir Wesentlichste von diesem Charakter bezeichne ich das stets
unmittelbar Tätige, bis zum stärksten Maße gesteigerte Erfülltsein von der Empfindung der
gegenwärtigen Situation und dem lebhaften Kontrast, der durch den heftigen Wechsel der
Situation sich in der Äußerung dieses Erfülltseins zuerkennen gibt. Tannhäuser ist nie und
nirgend nur ein wenig, sondern alles voll und ganz.“ („Über die Aufführung des Tannhäuser“,
ges. Schriften B. V S. 152.) So stellte Wolf sich auch in den Beziehungen zu meiner Vater-
stadt Mannheim dar, und von diesen mögen die folgenden Blätter erzählen:
Angeregt durch einen Aufsatz Josef Schalks in der Münchener „Allgemeinen Zeitung“ vom
Jahre 1890 betitelt: „Neue Lieder, neues Leben“ hatte ich bei dem Musikalienhändler Lakom
in Wien, der sich mit dem kommissionsweisen Vertrieb der Wolfschen Lieder befaßte, Er-
kundigungen über dieselben eingezogen und hierbei erwähnt, daß auch Weingartner, der damalige
Kapellmeister am Mannheimer Hoftheater, sich für seine Kompositionen interessiere. Hiervon
hatte Wolf, der in dieser Zeit schon erwartungsvoll gespannt auf ein Echo aus Deutschland
lauschte, erfahren. Meine kurze Mitteilung, sowie ein in diesen Tagen an ihn selbst gerichtetes
Schreiben hatten den impulsiven Künstler zu dem freudigen Glauben veranlaßt, Mannheim,
welches einst einen Mozart, Weber und Wagner beherbergt hat, sei em „besonders empfänglicher
Boden für seine Liedersaat“.
Bereitwillig ging er in seinem ersten Brief vom 16. April 1890 (Hugo Wolfs Briefe an Oskar Grohe,
herausgegeben von Heinr. Werner, Verlag von S. Fischer, Berlin 1905) auf meine Anregung
ein, mir seine mit Orchesterbegleitung versehenen Lieder und sonstige Orchester-Werke
namhaft zu machen. Es bestand nämlich damals im Mannheimer Richard Wagner-Verein die
Absicht, den Geburtstag des Meisters (22. Mai) durch ein Orchester-Konzert festlich zu begehen,
und da ich schon bei Durchsicht der ersten Lieder Wolfs den Eindruck gewonnen hatte, sie
 
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