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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 3.1905

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https://doi.org/10.11588/diglit.52694#0046
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40 Er wollte seine Mutter, der das Mondlicht auf dem runden, weißen Halse spielte, erwecken.
Aber sie schlief so fest, und lag so tief in ihrem weichen Federbett, daß er es aufgab und sich
allein hinausschlich an die Küchentür und durch das Schlüsselloch hineinguckte. Wer beschreibt
sein Erstaunen über das, was er da zu sehen bekam.
Das Gänseställchen war leer. Drei weiße Federkleidern lagen auf dem Boden. In einer Ecke
der Küche aber duckten sich drei wunderschöne Mädchen, schlank wie Lilien und im Mond-
licht bleich wie weiße Rosen und schluchzten und weheklagten.
Die eine von ihnen — sie hatte rötliches Haar und eine Haut, zart und mattschimmernd wie
Perlmutter - hub an zu klagen und sprach:
O, daß unser armes Mütterlein gestorben!
O, daß unser Vater die böse Hexe in sein Schloß genommen!
O, daß wir eine falsche Stiefmutter bekommen!
Die Zweite — sie hatte Haar vom Braun der Kastanie und ein Mündlein wie zwei tauige
Rosenblätter — fing an zu klagen und sprach:
O, daß wir der bösen Frau nicht gehorcht!
O, daß wir nicht drei arme Mägde geworden!
0, daß wir nicht die Gänse gehütet vor unseres Vaterschlosses güldnen Pforten!
Die Dritte aber — sie war schöner als alle Blumen, die Singal je gesehen hatte, und er hätte
nicht sagen können, von welcher Farbe ihr Haar und ihre Augen und ihr Mund waren - fing
an zu klagen und sang:
Das Messerlein ist geschliffen,
Gar bald wir werden gegriffen,
Und wie das Brünnlein der Wiesen
Unser rotes Blut wird fließen.
Singal wurde das Herz schwer von Wehmut und banger Sehnsucht. Er wollte zurück und
wollte die Mutter holen. Aber er konnte nicht. Immer wieder mußte er hinhorchen auf das,
was die Mädchen sangen und hinschauen auf die schlanken, blumenhaften Leiber.
Da plötzlich wurde alles still. Ein erster fahler Schein der Morgensonne fiel durch das trübe
angelaufene Küchenfenster. Und als wäre nichts geschehen, saßen die drei Gänse in ihrem
Stall, und nur ein leises, heiseres Geschnatter war in der tiefen Dämmerstille hörbar.
Das wiederholte sich nun alle die folgenden Nächte. Einmal erzählte Singal alles, was er
gesehen und gehört hatte, am Tage seiner Mutter. Aber Frau Weißhand lachte ihn aus und
schalt ihn einen Träumer.
So kam der Tag des heiligen Martin. Frau Weißhand hatte beschlossen, alle drei Gänse auf
einmal zu schlachten und nicht erst auf Advent oder gar Weihnachten zu warten. Denn sie
brauchte Geld und hoffte durch den Verkauf der Gänse ein hübsches Stück Geld zu erlösen.
 
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