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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 3.1905

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https://doi.org/10.11588/diglit.52694#0048
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42 halten konnte, langsam zu Tale getragen, und ehe der letzte Sonnenstrahl über die dunkeln
Wälder glitt, befand er sich auf einer blumigen Wiese am Ufer eines tiefschwarzen Sees.
Regungslos lag er zwischen den hohen Stielen der starkduftenden Blumen, umweht von einem
kühlen, feuchten Abendwind, der vom See heraufkam und mit den Blüten und den Haaren
des Knaben spielte. Neben ihm aber hatte sich das Tier gelagert, das ihm sein Leben und
dem er diese wundersame Fahrt durch die Lüfte zu danken hatte.
Aber — o seltsam — aus der plumpen, unschönen Gans war durch das Bad der balsamischen
Lüfte ein herrlicher Schwan geworden. Zärtlich und zutraulich bog er den schlanken Hals
herüber zu dem Knaben und streichelte mit silberfeinem Flaum seine Wangen und seinen
schwellenden Mund.
Nie hatte der Knabe so Wonniges empfunden, selbst nicht, wenn ihn die Mutter mit ihren
weißen Händen geliebkost hatte. Er lächelte und küßte den Schwan auf sein prächtiges
Gefieder und sang leise vor sich hin.
Schließlich fielen ihm die Augen vor Müdigkeit zu, er entschlief und hatte seltsame Träume.
Bald befand er sich in der dumpfen, dunkeln Küche seiner Mutter und sah das blutige
Schlachtmesser in ihrer zum Stich gezückten Hand blinken, bald wiegte er sich, überschattet
von den weißen Flügeln eines wilden Schwans hoch in den Lüften und vernahm wieder die
Stimmen der Winde und Wolken, der Sterne und des Monds.
Da erwachte er an einem seltsamen Geräusch. Erschrocken fuhr er empor. Nicht zehn
Schritte vor ihm stand sein Schwan auf einem kleinen Vorsprung über der Tiefe des Sees.
Er breitete die Schwingen aus und sang ein Lied, so schön und so todesbang, wie es nur
Schwäne in ihrer Todesstunde singen können. Dann versank er in die dunkle, leise
bewegte Flut.
Singal stand nun gleichfalls auf jener erhöhten Stelle und starrte verzweifelt auf das Wasser,
über das ruhig und majestätisch wie eine weiße Wolke sein Schwan dahinsegelte in die
dunstige Nacht hinein. Er wollte ihm rufen, aber er kannte seinen Namen nicht. Er wollte
ihm nach in die feuchte Tiefe, aber er konnte nicht schwimmen.
So blieb ihm nichts übrig als zu stehen und zu sehen, wie der Schwan gleich einer immer
kleiner werdenden Silberwolke im bläulichen Duft der Mondnacht verschwand. Ganz trostlos
legte Singal sich nieder. Er meinte sterben zu müssen, so traurig war ihm zumute. Er sehnte
sich nach der Mutter kleinem, rotbemalten Haus, nach den Pappeln, nach dem Gemüsegarten.
Er fing an zu weinen und weinte lange bitterlich. Da — was mochte das sein — vernahm
er ein Plätschern und Rauschen, eine Bewegung des Wassers wie von sanften Ruderschlägen;
neugierig beugte er sich vor und schaute hinab in den See.
Lange sah er nichts als das geheimnisvolle Aufleuchten und Verlöschen grünlicher Lichter, die
einen Widerschein gaben von den Fenstern des uralten Schilfpalastes, tief drunten im See,
darin die Nixe Glungult wohnte.
 
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