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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 3.1905

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https://doi.org/10.11588/diglit.52694#0052
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Seinen Durst aber stillte sie, indem sie ihn zu einer Quelle führte, deren Wasser vom Sternen-
schein die Farbe goldenen Weines erhielt. Er trank und glaubte nie besseren Saft der Rebe
gekostet zu haben.
Dann legte er sich ins tiefe Moos und schlang seine gebräunten Arme um Juvanes marmor-
weiße Schultern.
„Ich hatte nie ein Schwesterlein“ — sagte er, und seine Stimme hatte einen singenden Klang;
„willst du es sein?“
„Nein, nein“, sang Juvane und schaute ihn traurig lächelnd an.
„Wie aber soll ich dich fürder nennen, denn nimmer kann ich mich von Juvane trennen?“
Und als sie schwieg, fuhr er fort: „Soll ich dich heißen mein Mütterlein, da mir so fern die
Mutter mein?“
„Nein, nein?“
Er wurde ganz traurig und sah ratlos vor sich hin.
Da beugte sich Juvane über ihn und brachte ihren Mund an sein Ohr:
„Süß und traurig singt die Nachtigall,
Mein Liebster soll sein Singal,
Zur Nachtzeit ward aus dem Schwane
Singais Weib: Juvane!“
Da küßten sich beide und kosten und vergaßen, was ihnen je Leid gebracht.
Frau Rodith saß in ihrem Gemach, dessen breiter, steinerner Altan auf den See hinabschaute.
Sie war trüben Mutes und sehnte sich — sie wußte selbst nicht wonach. Um sie her standen
große Phiolen mit Zaubertränken, die sie aus Kräutern ihres Gartens bereitet hatte. Neben ihr
auf einem goldenen Tisch lag ihr elfenbeinerner Zauberstab. Doch das alles, Zauberei und Hexen-
künste, war ihr verleidet. Denn seit ihr alter Gemahl gestorben war und sie ihre Stieftöchter
verhext und aus dem Schlosse fortgetragen hatte, fühlte sie sich gar sehr vereinsamt. Was
half sie ihr wundervolles Schloß aus weißem, rotem und grünem Marmelstein von Grund auf
und mit einer goldenen Kuppel überdacht? Was half sie ihr Zaubergarten, in dem Blumen
blühten, die zugleich Vögel waren und Springbrunnen plätscherten von flüssigem Silber? Es
wollte niemand bei ihr aushalten, weil alle, Knechte und Mägde, fürchteten, eines Augenblicks
von ihrem Zauberstäbchen angerührt und in ein grunzendes, quieksendes oder schnatterndes
Tier verwandelt zu werden.
So saß sie stundenlang in ihrem öden Witwensitz und beobachtete den Flug der Raben und
Möven überm See und horchte auf das Rauschen der Lindenwipfel vor ihrem Balkon und
sehnte sich nach dem Laut einer menschlichen Stimme. Mit einem Male veränderte sich der
Ausdruck ihres schmalen, blassen Gesichts. Sie hatte etwas gehört, eine Stimme wie die eines
Knaben. Sie trat auf den Altan und beugte sich nieder, also daß ihr schwarzes Haar unter dem
roten Tuch auf die Brüstung des Balkons herabfiel und sie umwehte wie ein Schleier. Die
Stimme hatte einen Augenblick abgesetzt, jetzt wurde sie wieder vernehmbar. Sie sang:
 
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