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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 3.1905

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https://doi.org/10.11588/diglit.52694#0054
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48 Darauf sagte Singal nichts, sondern setzte sich der Zauberin zu Füßen, sah ihr mit seinen
glänzenden Augen ins blasse Gesicht und fing an zu singen:
„Tief im Forst liegt ein Haus,
Nieder und klein,
Von Heckenrosen umrankt
Und wildem Wein.
Vor der Tür liegt ein See,
Tintenschwarz,
Aufs Dach träuft vom Tannenast
Goldenes Harz.
In stiller Mitternacht
Tut der See sich auf — — —“
Singal brach ab, denn er hatte eine große weiße Katze gesehen, die draußen auf der Brüstung
des Altans lustwandelte. Er sprang hinaus und faßte sie beherzt um den Leib. Aber sie war
so schwer, daß er beinahe von ihrem Gewicht hinuntergezogen worden wäre in den gähnenden
Abgrund zu seinen Füßen. Frau Rodith aber kam ihm zu Hilfe und verjagte den Kater, der
sich murrend in die Tiefe verzog. Sie lachte und sagte, er solle weitersingen. Aber Singal fing
wieder von dem elfenbeinernen Stab an. „Warte, ich werde dir damit die Hosen spannen“
drohte sie ihm, hatte aber solches Gefallen an seinem Gesang gefunden, daß sie ihm nicht böse
sein konnte. Und er begann von neuem:
„Einer Seefrau weißer Leib
Schwimmt herauf.
Reicher denn die Herzogin
Trägt sie den Schmuck,
Wärmer als der rosigsten Dirn
Ist ihrer Brüste Druck.“
Frau Rodith erglühte, als er diese Worte sang. Sie zog ihn an seiner Hand zu sich empor
auf ihren Schoß und wollte ihn küssen. Aber er bog geschickt aus und fragte mit zwinkerndem
Aug: Wollt ihr mir, schöne Frau, das Zauberstäbchen leihen? und als sie nichts antwortete, griff
er mit jäher Handbewegung darnach. Sie aber riß ihn zurück und wurde bleich wie der Marmor
ihres Fußbodens. Da sang er in einem wilden, jubelnden Ton:
„Ein Kranz von Fichtengrün
Und Lilien aus dem See
Liegt ihr um die zarte Stirn,
Weiß, wie der Schnee.
Wir feiern das Hochzeitsmahl
Am steinernen Tisch,“
 
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