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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 3.1905

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https://doi.org/10.11588/diglit.52694#0057
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Wein, in der Flut gekühlt, 51
Würzt uns den Fisch.
Wir feiern die Hochzeitsnacht
Bei des Wassers Schein,
Wenn der Morgenstern erwacht,
Lieg ich im Moosbett allein.
Beim letzten Ton schwang er mit jauchzendem Aufschrei das elfenbeinerne Stäbchen. Und
ehe es ihm Frau Rodith noch entreißen konnte, hatte er ihre Hände damit berührt, so daß sie
schlaff und entkräftet herabsanken. Und nun sprach er den Zauberspruch, den ihn Juvane gelehrt
hatte, und strich dazu immer an Frau Juvanes Leib mit dem Stäblein hinab:
„Es brennt das Heu, es brennt das Stroh,
Die Flamme flackert lichterloh.
Es sinkt das Haar, es fällt das Kleid,
Zu Asche werde junge Maid.
Es weht der Wind, es bläst der Wind,
Zwei Flügel wachsen an geschwind,
Zwei rote Schuh, ein Federkleid,
Als Gans erstehe, schöne Maid!“
Die stolze Gestalt schrumpfte wie von Feuersglut versengt zusammen zu einem unförmlichen
Ding, aus dem langsam eine plumpe Gans herauswuchs.
Die nahm Singal, wie er es einst bei der Mutter gesehen, zwischen die Knie und versetzte ihr
mit seinem kleinen spitzen Taschenmesser den Todesstoß. Dann flog er hinab ans Ufer des
Sees und klatschte in die Hände und rief Juvane beim Namen und winkte ihr herbei-
zuschwimmen. Langsam und majestätisch nahte sich der Schwan. Singal aber fühlte, wie
das Stäbchen in seiner Hand zuckte und wie von einem Magnet angezogen, nach Juvanes Leib
hinstrebte. Er wäre fast ins Wasser gefallen, so stark zog ihn der Stab zu Juvane.
Und als er mit seiner Spitze Juvanes flaumige Schwanenbrust berührte, da fiel ohne Spruch,
und ohne daß Singal nur einen Finger zu rühren brauchte, das Federkleid Juvanes in den See,
und im Gold der untergehenden Sonne stieg Juvanes wahre Menschengestalt ans Land, so
schön und strahlend, wie es Singal, der sie ja nur bei der Nacht gesehen hatte, nie für möglich
gehalten hätte.
„Tot ist Frau Rodith,“ sagte Singal.
„Juvane lebt,“ rief Juvane.
„Offen steht das Schloß Juvanes,“ sagte Singal.
„Komm laß uns hineingehen,“ sagte Juvane und faßte Singal bei der Hand. Und beide stiegen
langsam, Hand in Hand, einen einzigen Kranz von roten, goldenen, blauen, grünen und silber-
weißen Sonnenstrahlen um ihre beiden Häupter, zum Schloß empor.
Das leuchtete über dem Wald in allen Farben.
 
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