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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 3.1905

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https://doi.org/10.11588/diglit.52694#0058
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52 Sein goldenes Tor sprang von selbst auf, und ein Meer von Wohlgerüchen und Gesänge drangen
aus seinem Innern. Die Blumen, die zugleich Vögel waren, Tulpen, die gurrten wie zärtliche
Tauben, Veilchen, die schlugen wie der frühlingkündende Edelfink, Maßliebchen, die geheimnis-
voll wisperten wie das feuerfarbige Goldhähnchen, und blaue, große Glockenblumen, deren Geläute
klang wie die Stimme der Misteldrossel in einsamer Kiefernheide — flogen den Ankommenden
entgegen.
Der große Kater, der am Nachmittag Singal so sehr erschreckt hatte wegen seines furchtbaren
Gewichts, kam jetzt ganz manierlich auf seinen Hinterpfoten angetänzelt und trug in den
Vordertatzen einen silbernen Schlüssel, den er Juvane mit einer feierlichen Verbeugung
überreichte.
Hinter ihm kamen noch viele Tiere, ein Marder, ein weißer Hirsch, zwei wollige Lämmer,
zwei possierliche Affen mit grünen Hüten und roten Schärpen, und am Ende des langen Zuges
der Tiere gar ein zottiger Bär, der eine mächtige Honigwabe als Geschenk überreichte.
Allen diesen Tieren konnte man die Freude anmerken über den Tod ihrer launischen und
oftmals grausamen Herrin. Da Singal, seit er im Besitz des Zauberstäbchens war, alle Tier-
stimmen verstehen konnte, war ihm das vielstimmige Geblöke und Gebrüll und Gegrunze der
Tiere eine angenehme Musik. Denn alle Tiere sprachen: Heil Singal! Heil Juvane!
Gefolgt von dem langen Zug der Tiere durchschritt das junge Paar die prächtigen Hallen
und Säle des Schlosses.
Schließlich gelangte es auf hundert Stufen hinauf in die goldene Kuppel, die sich über dem
Schlosse wölbte. Sie war, obwohl von Gold, durchsichtig und sah aus wie ein schimmernder
Meeresspiegel, auf dem der Mond und die Sterne schwammen wie Seerosen und Wasserlinsen.
Singal klatschte, als er des ansichtig wurde, vor Lust in die Hände. Juvane aber suchte etwas,
an das sie sich noch gut erinnerte aus der Zeit, ehe sie eine Stiefmutter bekommen hatte:
da oben mußte das Bett ihrer Mutter stehen.
Richtig, da fanden es ihre Augen. Es war ganz aus lebendigen Pflanzen, schwellend wie grüner
Rasen, duftend wie ein Beet köstlicher Balsaminen, überwölbt von einem Baldachin von tau-
frischen, schattenspendenden Waldbäumen, Eichen, Ulmen und Linden. Leise zog sie Singal,
der immer verzückt emporblickte zu dem gestirnten Himmel über der durchsichtigen Kuppel,
hin zu dem Lager, auf das sie mit einem tiefen Seufzer niedersank. Da erbrauste das ganze
Schloß vom Klang unsichtbarer Stimmen und Instrumente, und es begann die Hochzeit. Die
war voll von köstlichen Lustbarkeiten und dauerte viele, viele Tage und Nächte. Und wenn
sie inzwischen nicht aufgehört hat, so dauert sie heute noch.
 
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