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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 3.1905

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https://doi.org/10.11588/diglit.52694#0069
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Servatius nahm einen kurzen kernigen Strick zu sich, zur Fesselung der Flüchtlinge, sog noch 63
ein paarmal die breite Brust voll des warmen hellen Lichts und stieg froher Hoffnung voll
seinem Widersacher nach, in das Dunkel, zum Tal.
Er suchte im Wald und auf der Heide, eilte auf die nächsten Höhen und wieder in die Tiefen.
Vergebens!
Er sah nicht Mensch, noch Vieh!
Schon näherte sich auch ihm die Verzweiflung. Da vernahm er laute Rufe und Antworten;
er hörte die Stimme eines Mannes und die Gegenrede aus weiblicher Kehle.
Kein Zweifel mehr: das waren sie, seine Nachbarn! Ihre Erregung ließ einen günstigen Schluß
ihrer Rundreise vermuten.
Ein paar Augenblicke nur, und bereits hörte Servatius Schnaufen und Stampfen. Er sprang
auf den engen Pfad hinunter und ehe er recht zur Besinnung kam, trabte auch bereits der
Franzos in voller Wut auf ihn los und — an ihm vorüber. Das Vieh zu halten, war ihm in
dieser Geschwindigkeit unmöglich gewesen, und so mußte Servatius das beschämende Gefühl
ertragen, des daherspringenden Urbanshof bauern Augen auf sich ruhen zu lassen als sprächen
sie: Du bisch noch Einer, — Du!
Und was dachte sich Cordula?
Doch wohl: Jetzt hast Du die letzte Gelegenheit versäumt, dem Vater durch die Tat Dein Über-
gewicht zu beweisen und ihn zur Anerkennung zu zwingen. — — —
Vater und Tochter sah Servatius an sich vorüberrennen und davonlaufen, wie der Franzos
davongejagt war. Die Voraussicht, allezeit ein Lächeln des Mitleids im Gesicht des Urbans-
hofbauern und den Zug des Bedauerns im Antlitz der jungen Nachbarin aushalten zu müssen,
hatten kaum Kopf und Herz empört, so eilte Servatius auch schon spornstreichs hinter der
wilden Jagd her: »Wenn ich den Franzos bann, bezwing ich am Ende Alles auf einen Schlag!
Drauf! Und wenn ich das Leben dransetz!“
Aufs Neue sprang Servatius dem Gipfel zu; der Nebel wurde schon dünner und die letzten
Grüsse der Sonne färbten ihn rot: da holterdipolter — abermals der Franzos im Ansturm,
diesmal auf dem Hohlweg vom Gipfel her. Also hatten sie ihn auch droben, dicht beim Stall,
noch nicht gefangen.
Das war die Entscheidung:
Mann sein, Riese, Held!
Blitzschnell sprang Servatius in die Mitte des Weges, sodaß der Franzos kurz stutzte. Ebenso
flink war Servatius wieder an der Lehne des Berges und ließ den Gehörnten herankommen,
Gewandt wie der Kämpfer in der Arena und mit reckenhafter Gewalt warf er ihm den Strick
um die Hörner. Der Gefangene, um sich von der Fessel zu befreien, wendete sich mit Gebrüll
und suchte dem Gegner auf den Leib zu rücken. Doch der ließ nicht los, und um den Spitzen
der Hörner zu entgehen, setzte er darüber hinweg und dem Vieh auf den Rücken. Er klammerte
sich fest wie mit Schraubstöcken und heidi! ging die Jagd auf dem schmalen Pfade bergauf.
 
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