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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 3.1905

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https://doi.org/10.11588/diglit.52694#0082
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yß Zu Mittag aß er übrigens immer auf einem Ahornbaum; das geschah aus Dankbarkeit und
Freundschaft, denn da hatten einst seine Eltern gewohnt. Unter dem Ahorn wohnte eine
prachtvolle Gebirgsglockenblume, die viel größer war als alle Waldblümlein, und ihre tiefe
Stimme hörte man aus dem vieltönigen Geläute deutlich heraus.
Und diese Glockenblume liebte den Vogel Kwi-di-witt.
Er war auch schon nahe daran, sie zu lieben; da aber träumte er einige Nächte hintereinander
von einer merkwürdigen Wunderblume, die beschloß er zu finden und dann zu freien.
Er wollte absolut keinen Vogel heiraten. Nur eine Blume, denn er dachte es sich besonders
herrlich, eine so feine Frau zu haben, die nur von Luft, Regen und Sonnenstrahlen lebe. Da
er, was ich euch ja schon sagte, sehr neugierig war, schlief er immer nur mit einem
geschlossenen Auge. Das andere ließ er aus Neugier offen, weil er dachte, seine Wunderblume
käme vielleicht doch einmal nachts vorüber.
Sie kam aber niemals. Doch ein großer Zauberer ritt eines Nachts durch den Wald. Kwi-di-witt
erkannte ihn an seinem Barte, der sich in ein Schlänglein zuspitzte und an seinen Loken, die
lauter Akazienblüten waren, denn der Akazienbaum war des Zauberers Vetter und weil er mit
einem Baume verwandt war, war er natürlich ein großer Zauberer.
Kwi-di-witt bat ihn, ihm zu helfen. Der Zauberer sagte: „Ich will Dir sagen, wie sie heißt und
wo sie wohnt, aber erst, wenn du mir eine Mohnblume mit dreiundfünfzig Staubfäden bringst;
die brauche ich zu einer großen Zauberei. Wenn du sie hast, rufe nur „Maslahu“, dann
erscheine ich!“
„Was ist denn Maslahu?“ frug der neugierige Vogel noch rasch!
„Ein hochgelegenes Vorgebirge der Wolken“, belehrte ihn der Zauberer. „Merci“ sagte Kwi-di-witt,
der noch zeigen wollte, daß er schon französisch könne. —
Die Mohnblume war aber nicht so leicht zu finden, wie Kwi-di-witt gedacht hatte. Erst gab
es lange Zeit gar keine, und dann riß er oft beim Zählen viele Staubfäden aus. Einmal waren
es fünfzig, dann wieder nur fünfunddreißig. Und bei diesem eifrigen Suchen wurde es heißer
Hochsommer. Kwi-di-witt weinte, als er sah, wie seine ehemals schneeweißen Brustfederchen
goldgelb von der Sonne verbrannt waren. Ach, und dann standen die Mohnblumen so spät auf!
Erst wenn die Sonne schon hoch stand, öffneten sie ihre feurigen seidenen Kapuzen und
tranken die Sonne und guckten ihr stolz ins Gesicht, was nur die Mohnblumen aushalten.
Da fürchtete er sich hie und da schrecklich, die Staubfäden zu zählen.
Ejnes Tages, als er wieder nichts fand, erblickte er einen kleinen dicken Sammetmaulwurf
unter einem grünen Blattdach, dem erzählte er seine Leidensgeschichte. Der dicke Sammtene
leckte sein braunes Fell, und da andere Maulwürfe das nicht tun, war er eben ein ganz eigen-
artiger junger Maulwurf. Er sagte: „Ich sehe zwar nicht ein, warum du eine Blume heiraten
mußt, und gar noch eine, von der du nur geträumt hast, wenn du es aber so schrecklich
gerne willst, will ich dir helfen. Nur mußt du mir zuerst ein ganz langes Federnfächerblatt
 
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