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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 3.1905

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https://doi.org/10.11588/diglit.52694#0110
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104 Als die edlen Lagen vom Winkler Berg und dem heißen Achkarrer Steingrund aus der Zwei-
hundertjährigen flössen, war es Nacht David hatte die Hausgenossen alle, nach der schweren
Tagesarbeit, zu Bett geschickt.
„Spannet noch einmal! Den „Sack“*) habt ihr ja zum drittenmal behauen, dann schlafet! Ich
wach“, so ordnete er an.
„Ist euch nicht zu kalt da bei der Trotte?“ fragte Engelhard, der als letzter eine Bütte rote
Trauben, die der klagenden Witwe gehörten, herein getragen und eingestampft hatte.
David, der Alte, mustert langsam, als sähe er sie zum ersten Male, seine Umgebung, den
Schuppen, wo sich rings um ihn die gefüllten Weinbottiche reihen, wie dunkle Schlangen die
Schläuche des Pumpwerks sich ringeln und die Fässer mit „Rotem“ stehen, der erst in sechs
Wochen gepreßt wird.
„Ich frier nicht,“ sagt er schwerfällig, „aber für alle Fälle kann mir der Dieter einen Krug 93er
Alten aus dem Keller holen.“ —
So, nun war der Jahrhundertmann allein mit dem Geist des der Erde entsprossenen, der
heimischen Scholle, die auch ihn getragen, entstiegenen Segens.
Die Weinlese ging zu Ende. Anstatt der Hoffnungen regierte nüchterne Wirklichkeit. Ver-
schlafen plätscherte der Most aus der Kelter. Ein kleines Bächlein kroch mühsam über die
Schaufel und von da fiel ein Tropfen und dort ein paar aus den Nebenrinnen. In den Doll-
bütten aber wurde der Rebensaft schon lebendig. Ein starker Duft lag drüber, die Ahnung
vom gärenden Brausen vermählte sich damit.
Noch schwiegen der einheimische und der Achkarrer Rote, der Stolz der Witwe, und die Hoff-
nung des Hausherrn. Noch taten sie kalt gegen den feurigen Ihringer vom Winkler Berg.
Der redet und der Patriarch lauscht den Kindern der Sonne, die in der Nacht des gesunkenen
Jahres zwischen pressenden Kelterarmen ausströmen lernten, was sie aus heißen Strahlen
langer Sommertage' und im träumenden Licht der Mondnächte eingesogen.
Sie plaudern’s der Mutter, der Kelter ins Ohr, der verschwiegenen. . .
David lehnt sich d’ran und nippt vom Rebensäfte. Das ist gut. Was er nicht hört, spürt er
im Herzen. Da steigt es auf so wundervoll warm und beklemmend.
Ist’s ein Traum oder eine Erinnerung?
Aus ferner, ferner Zeit?
Aus einem andern Leben?
Der Mond stand überm Rebgelände, nicht dem heimischen. Oder doch? Ebenso traut ist’s,
aber reicher. Ohne Pflege, ohne Arbeit, gewachsen wie der Tau aus der Morgenröte, ohne
Menschenfinger, so steht der Weinstock, so trägt er Früchte.
Einen tiefen Zug tut der Greis aus seinem Kruge und atmete frei und leicht. Alles lag hinter
ihm und war gut. Es gab keine Schuld mehr, denn es gab keine Reue mehr. Das hatte sich
alles ausgeglichen im Glück der Gegenwart. Was dahinten lag von seinem Leben, das war

) Die gepreßten Trauben auf der Kelter.
 
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