Becker, Rudolf Zacharias
Noth- und Hülfsbüchlein für Bauersleute oder lehrreiche Freuden- und Trauer-Geschichte des Dorfs Mildheim — Sulzbach in der Oberpfalz, 1789 [VD18 12674052]

Page: 167
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mich Gott stärke in der letzten Stunde!" Da weinten
und schluchzten die Frau und die Kinder noch mehr.
Alaus nahm aber seine wenigen Kräfte zusammen,
und sprach: " Kinder, wollt ihr eurem sterbenden Vater
noch einen Gefallen thun? " Gern alles, lieber Vater,
schrien sie, wenn wir euch nur helfen könnten! " Es ist
besser, daß ich von der Welt scheide, fuhr er fort.
Ich möchte nur gerne den Trost mitnehmen, daß ihr
brav und gut würdet, und daß es euch wohl gienge
und besser, als mir. Hört nun, was ich euch noch
offenbaren will, Kinder! Ich bin selbst Schuld daran,
daß ich jetzt sterbe, und euch nicht vollends auferziehen
kann. Aber Gott wird mirs vergeben. / Zu meiner
Zeit lernte man in der Schule wenig, außer den Ka-
techismus. Da hörte man fast kein Wort von allem,
was dem Menschen im irdischen Leben nütze und gut ist.
Da thaten denn die Kleinen so ohne Ueberlegung nach,
was sie von den Großen sahen; es mochte gut oder
böß seyn. Da sah ich nun, daß die großen Bursche auf
Hochzeiten, Kindtaufen, Leichtrunk, (Leide-Effen), Kirch-
messen, (Kirchweihen) und andern Schmäusen so viel
in sich hinein fraßen, als sie nur schlucken konnten,
und daß unter zehen kaum einer nüchtern blieb, so
söffen sie Bier und Brandtwein durch einander. Ich
dachte, der wäre kein rechter Bursch, der nicht tüchtig
schlingen könnte. Und so gewöhnte ich mir allmählich
das unmäßige Fressen und Saufen so an, daß ichs
nicht mehr lassen konnte, und daß ich zuletzt auch bey al-
len Mahlzeiten mehr hinunter schluckte, als der Magen
verlangte, und daß ich selten ohne Rausch aus dem
Wirthshause heim kam. Der barmherzige Gott mag
mirs vergeben: ich wußte nicht, was ich that. Nun
da ich das halbe Jahr her so liege und nachsinne, wie
alles gegangen ist, und weil mich der liebe neue Hr.Pastor
(Pfarrer) und auch derDoctor in der Sache verständigt
L 4 hat:
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