Becker, Rudolf Zacharias
Noth- und Hülfsbüchlein für Bauersleute oder lehrreiche Freuden- und Trauer-Geschichte des Dorfs Mildheim — Sulzbach in der Oberpfalz, 1789 [VD18 12674052]

Page: 214
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und lachte ins Fäustchen, wenn darüber Zank und Zwie-
tracht unter den Eheleuten entstand. Wo er einem Nach-
bar eine Furche abpflügen (weqackern) konnte, that ers,
und was ihm in andrer Leute Gärten und Häusern eben zur
Hand lag, steckte er in seine Tasche, wenn niemand zugegen
war. Bey allen diesen Bosheiten versäumte er aber
keine Kirche und wußte so fromme Reden zu führen und
so andächtige Gesichter zu machen, daß der Prediger des
Dorfs ganz von ihm eingenommen war, und es dahin
brachte, daß man ihn zum Kircheninspector (Gettshaus-
pfleger, Helling - Pfleger) wählte. Da begab sichs nun,
daß der Kirche ein Capital von 400 Thalern heimgezahlt
wurde. Dieses Geld verwahrte man, bis es wieder ver-
liehen werden könnte, in einem eisernen, in der Sam'stey
befindlichen Kasten mit zwey Schlössern, wozu er einen
Schlüssel und der Prediger den andern hatte. Ha! dach-
te der scheinheilige Kircheninspector: der todte Gotteska-
sten ist reich genug! Ob er die 4O0 Thaler hat, oder nicht!
dir werden sie besser schmecken, und auf dich, als ei-
nen wohlhabenden Mann und Inspector, wird kein
Verdacht fallen. Und damit stieg er in einer dunkeln
Nacht durch das Kirchfenster hinein, brach den Kasten
auf und trug die 400 Thaler nach Hause. Zum Un-
glück ließ er aber in der Eile seinen Schlüsse! am Ka-
sten stecken und vergaß ihn über dem Aufbrechen des
andern Schlosses. Wie nun der Schulmeister den
Sonntag darauf in die Kirche kam und den Kasten
offen fand: rief er geschwind den Prediger, zeigte ihm
was geschehen war und den sehr kenntlichen Schlüssel
des Kircheninspectors. Er war diesem, so wie alle Ein-
wohner des Dorfs, wegen seiner Heimtücke herzlich
gram und brachte daher den Prediger sogleich auf den
Argwohn, daß der Inspector wohl selbst der Dieb
feyn möchte. Dieser stritt anfangs dagegen. Weil
aber der Schlüssel ein so verdächtiges Merkmahl war,
daß
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