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Da s B uch f ür Alle
Heft 1
der Lampe noch verſtreute Ultraviolettlicht gut reflektieren ſollte. Auch das
iſt gelungen: ein weißer Kalkanſtrich ſtrahlt das ultraviolette Licht am
sſtärkſten zurück. Von ultravioletten Strahlen völlig erfüllte Lichtbade-
räume ermöglichen gleichzeitige Beſtrahlung vieler Kinder..
Es soll darauf hingewiesen werden, daß die künſtliche Höhensonne in
der Hand von Unkundigen zu ſchweren Schädigungen führen kann und daß
deshalb Bestrahlungen unter ärztliche Aufsicht gehören.
Pflicht der Gemeinden ~ um die Rachitis zu bekämpfen ~ wäre es, für
Aufklärung der Bevölkerung über das Wesen, die Verhütungs- und
Heilungsmöglichkeiten der Rachitis zu sorgen, den Wohnungsbau mit allen
Mitteln zu fördern, Parke und freie Plätze innerhalb der Städte anzulegen
und zu erhalten, wo den Kindern Gelegenheit geboten iſt, den Segen von
Sonne und Luft zu genießen. Pflicht wäre: das Bereitſtellen von größeren
Lebertranmengen für Bedürftige zur Behandlung und Vorbeugung,
schließlich die Sorge für genügend Möglichkeiten, auch die künſtliche Höhen-
sonne in den Dienst der Bekämpfung der Rachitis zu ſtellen. Die erwach-
senden Kosten wird eine gesündere, arbeitskräftigere Generation durch
vermehrte Leiſtung zurückerſtatten.
Zu unseren Bildern
Ein grauſames Verlangen (Kunſtblatt vor Seite 9). ~ Als im letzten
Drittel des vierten Jahrhunderts vom Norden und Oſten Europas her
germaniſche Völkerſchasten mit elementarer, unaufhaltſamer Gewalt nach
Westen und Süden vordrangen, ging die innerlich längſt erſchütterte, alters-
ſchwache römiſche Weltherrſchaft in der über ſie herbrandenden Sturmflut
junger, unverbrauchter Volkskraft zugrunde. Die Goten wurden als Eroberer
die Herren von Rom, Vandalen und Sueven nahmen von Gallien und
Spanien Besitz und plünderten ſchonungslos auch die Ewige Stadt am
Tiber. Um ihre Siege beneideten ſie andere germaniſche Stämme und
zogen auch über die Alpen nach dem ſchönen Italien, das ihnen allen als
Kampfpreis ſchwerſten Ringens wert erſchien. Als letzte Welle der großen
Völkerwanderung kamen die Langobarden aus ihren Wohnsitzen an der
Theiß und in den Karpathen nach dem Süden. Ihre öſtlichen Nachbarn in
Siebenbürgen und der Wallachei, die Gepiden, die auch einer Gruppe
gotiſch-vandaliſcher Stämme angehörten, folgten ihnen, und zwiſchen den
beiden entbrannten beständig harte Kämpfe. Im Jahr 566 gelang es dem
Langobardenkönig Alboin, untersſtütt von den tatariſchen Awaren, in
qroßer Feldſchlacht die von ihrem König Kunimund geführten Gepiden
so vernichtend zu ſchlagen, daß nur noch versprengte, zu Knechten gemachte
Häuflein übrigblieben. Kunimund wurde ersſchlagen, und Alboin ließ ſich
nach der Sitte der Sznthen aus dem Schädel des Feindes eine Trinfkſchale
anfertigen. Er glaubte nämlich nach der damals allgemein gültigen heid-
niſchen Anschauung, daß die Körperkräfte seines getöteten Gegners durch
einen Trank aus dem Schädel auf ihn selber übergehen würden. Der
ehrgeizige Langobardenfürsſt vermählte ſich Roſamunde, der Tochter des
im Kampf gefallenen Kunimund, und zog, von Byzanz gegen Feinde
des römiſchen Reiches zu Hilfe gerufen, mit seinen Heerſcharen über die
schneebedeckten Alpen in die fruchtbare Po-Ebene. Faſt ohne Schwert-
ſtreich fiel ihm Oberitalien in die Hände und trägt seitdem den Namen
Lombardei. Das von der Gotenzeit her ſtark befeſtigte Pavia wurde
belagert und eingenommen, Mailand, Verona und Mantua im Sturm
überwältigt. Seine Herrschaft, viel härter und unerträglicher als früher
die der Goten, war nicht von langer Dauer. Räuberiſche Kriegszüge
und Frevel aller Art erfüllten sie, bis der Gewalttätige ſelbſt ein
Opfer heimtückiſcher Vergewaltigung wurde. Bei einem Siegesmahl
in Verona stellte in Übermut und Trunkenheit Alboin an seine Gattin
Rosamunde das frevelhafte Verlangen, aus dem Schädel ihres Vaters
zu trinken. Die Verhöhnte richtete ſich, im Innersſten erſchauernd und
bebend vor Entrüſtung, auf, aber dann gehorchte ſie dem Befehl, im
geheimen Rache ſchwörend für die angetane Schmach. Mit Helmigis,
dem Schildträger des Königs, und einem. Jſeiner Krieger verabredete
ſie, ihren Gatten eines Tages nach genoſſenem Mahl in trunkenem
Schlaf zu ermorden. Sein Schwert band Jie in der Scheide feſt, ſo daß der
Überfallene keine Waffe zur Wehr hatte als einen Jußſchemel, den er
gegen die Eindringlinge schleuderte. Von ihren Speeren durchbohrt,
endete Alboin. Doch der Fluch der unſeligen Tat fiel auf Roſamunde
zurück. Mit ihren Helfershelfern floh ſie nach Ravenna; aber als Jie ſich
durch Gift des ihr widerlich gewordenen Buhlen und Mittäters Helmigis
entledigen wollte, zog er, am Geschmack des Trankes die Ahſsicht erratend,
das Schwert und zwang das verbrecheriſche Weib, den Reſt des Bechers
zu leeren. Beide ſtarben am gleichen Tage. H. Rd.
Indische Bartgeier streiten ſich um ein gesſtürztes Pamirwildſchaf
(S.13). – Unter den Wildſchafen, die in zahlreichen Unterarten die Hoch-
gebirge von Zentralasien bewohnen, iſt das Pamirſschaf oder der Katſch-
gar das größte. In Höhen über der Waldgrenze, in der kahlen Wildnis des
gewaltigen Hochplateaus von Tibet, bis hinauf in die Schneeregionen von
6000 Meter ist das Tier am häufigsten verbreitet. Als im dreizehnten Jahr-
hundert der berühmte Weltreiſende Marco Polo über den Pamir bis nach
China gelangte, hat er den Katſchgar im tibetiſchen Hochland in ſo großer
Zahl angetroffen, daß er berichtete, die Hirten hätten Knochen und Hörner
der erlegten Schafe als Wegweiser durch die ſchneebedeckte Einöde auf-
getürmt. Das Pamirschaf wird faſt ſo groß wie ein Hirſch; die Länge beträgt
ohne den etwa zehn Zentimeter langen Schwanz zwei Meter, die Schulter-
höhe 1,20 Meter und das Gewicht bis zu 230 Kilo. Gewaltige, von nahe
aneinander liegenden ſtarken Ringen besetzte Hörner stehen in anderthalb
Meter langer Windung seitlich an dem langgeſtreckten Kopf. Braun iſt das
dichte Fell und hat dunkle Rückenstreifen. Rings um den Hals bauſcht ſich
eine lange, wollige Mähne. In Herden bis zu dreißig und vierzig Stück
klettern diese Tiere erstaunlich behende an den ſteilen Felsabhängen umher
und springen über klaffende Spalten mit Sicherheit hinweg. Wittert der
Katschgar Gefahr, so jagt er ſcheu und ängstlich davon. Nur zur Brunftzeit
zeigt sich der Bock kühn im Kampf gegen den Nebenbuhler. Dann prallen
die harten Schädel knallend gegeneinander, und der Schall hallt an den
Felswänden wider. Zuweilen wird einer der Kämpfer über die Steinwand
hinausgedrängt, ſtürzt in die Tiefe und bleibt zerſchellt auf einer Platte lie-
gen. Da erspäht, hoch oben in den Lüften kreiſend, ein Gänſegeier die
Beute und läßt ſich mit der Leichtigkeit des Falken in vielfachen Schwen-
kungen nieder auf den noch zuckenden Körper. Über ein Meter lang und
zweieinhalb Meter breit iſt der braunbefiederte Raubvogel, der sich da
seiner Beute gewiſß; glaubt. Schon reckt er keck den ſchlanken Kopf über dem
gänseartig langen Hals, um dann den Schnabel in die Eingeweide des
verendeten Katſchgar zu stoßen, da rauſcht mit mächtigen Flügelſchläzgen
ein Bartgeier mit seinem Weibchen heran und läßt ſich in nächſter Nähe
auf einem Felsen nieder. Den Gänsegeier übertrifft dieſer Geieradler an
Größe noch um ein gutes Stück, und edler iſt ſein ganzes Aussehen. Der
große Kopf trägt einen langen, großen Schnabel, der wie ein Haken ge-
krümmt und am Grund von struppigen Borsten umgeben iſt. Mit erhobenen
Flügeln, den Schnabel weit aufsperrend, fährt der Bartgeier auf den Gegner
los, der mit geſträubtem Gefieder, den Hals eingezogen, den Schnabel
zur Abwehr geöffnet, dem Angriff ſtandhält. Plötzlich ſtreckt er den langen
Gänſsehals weit vor und ſucht dem Störenfried eins zu verſeßen. Doch dieſer
weicht geschickt aus. Nun muß ich wieder der Gänsegeier wehren; keiner
will dem anderen den Katschgar als leckeres Mahl überlaſsen, bis es endlich
zum erbitterten Kampf mit Krallen und Schnäbeln in der Luft kommt,
in dem der stärkere Bartgeier Sieger bleibt und den zerzauſten Partnen
zwingt, auf das Pamirschaf zu verzichten. é R. H.
Einer, der wirklich Tinte getrunken hat. Vor einem Menſchenalter
bereiſte der damalige Schah von Perſien die großen Staaten Europas.
Auch in Berlin empfing man den exotiſchen Würdenträger, der mit
seinem Gefolge viel Unterhaltungsstoff bot, denn es geschah allerlei, was
mit unseren landläufigen Begriffen von Anstand nicht übereinſtimmte.
Unter den zur Aufwartung des Schahs beſtimmten Beamten des Berliner
Hofes befand Jich auch der Kellermeiſter Grund, den die Perser besonders
umwarben. Die Diener des „Königs aller Könige des Erdkreiſes“ ver-
langten von Grund immer neue q,geiſtige" Genüſſe, und der Kellermeiſter
hatte oft seine liebe Not mit den durſtigen Brüdern, die alles Erdenkliche
durcheinander hinter die Binde gossen. Sooft es ging, ſuchten die Perſer
den Meiſter Grund im Keller auf, um sich an der Quelle zu laben. Eines
Tages wax ein Tintenglas, das im Weinlager auf einem Tiſch ſtand, zer-
| | Mannigfaltiges
brochen worden und man hatte in der Eile die Tinte in ein Weinglas gegossen.
Grund, der sonst an dieſem Tiſch ſchrieb, hielt sich eine Weile in einem
entlegenen Teil des Kellers auf. Als er wiederkam, ſah er einen der per-
ſiſchen Höflinge, der mit allen Zeichen des Mißbehagens ausſpuckte. Der
Mund und die Zähne des edlen „Sonnensohnes“" waren schwarz. Der
ahnungslose Perser hatte die + Tinte ausgetrunken ! N. S.
Begreifliches Hindernis. Daß den Völkern früherer Zeiten Bäume
heilig waren, dafür gibt es viele Zeugniſſe. So war bei den alten Ger-
mianen die Eiche ein besonders geheiligter Baum. Unter dem heiligen
Peepulbaum wagt kein Inder eine Lüge auszuſprechen, denn er fürchtet,
daß die Götter ihn dafür ſtrafen würden. Eines Tages wurde bekannt,
daß die engliſche Regierung des Schattens wegen in Ulwar eine Haupt-
ſtraße mit Peepulbäumen bepflanzen wollte. Darüber entſtand unter den
Da s B uch f ür Alle
Heft 1
der Lampe noch verſtreute Ultraviolettlicht gut reflektieren ſollte. Auch das
iſt gelungen: ein weißer Kalkanſtrich ſtrahlt das ultraviolette Licht am
sſtärkſten zurück. Von ultravioletten Strahlen völlig erfüllte Lichtbade-
räume ermöglichen gleichzeitige Beſtrahlung vieler Kinder..
Es soll darauf hingewiesen werden, daß die künſtliche Höhensonne in
der Hand von Unkundigen zu ſchweren Schädigungen führen kann und daß
deshalb Bestrahlungen unter ärztliche Aufsicht gehören.
Pflicht der Gemeinden ~ um die Rachitis zu bekämpfen ~ wäre es, für
Aufklärung der Bevölkerung über das Wesen, die Verhütungs- und
Heilungsmöglichkeiten der Rachitis zu sorgen, den Wohnungsbau mit allen
Mitteln zu fördern, Parke und freie Plätze innerhalb der Städte anzulegen
und zu erhalten, wo den Kindern Gelegenheit geboten iſt, den Segen von
Sonne und Luft zu genießen. Pflicht wäre: das Bereitſtellen von größeren
Lebertranmengen für Bedürftige zur Behandlung und Vorbeugung,
schließlich die Sorge für genügend Möglichkeiten, auch die künſtliche Höhen-
sonne in den Dienst der Bekämpfung der Rachitis zu ſtellen. Die erwach-
senden Kosten wird eine gesündere, arbeitskräftigere Generation durch
vermehrte Leiſtung zurückerſtatten.
Zu unseren Bildern
Ein grauſames Verlangen (Kunſtblatt vor Seite 9). ~ Als im letzten
Drittel des vierten Jahrhunderts vom Norden und Oſten Europas her
germaniſche Völkerſchasten mit elementarer, unaufhaltſamer Gewalt nach
Westen und Süden vordrangen, ging die innerlich längſt erſchütterte, alters-
ſchwache römiſche Weltherrſchaft in der über ſie herbrandenden Sturmflut
junger, unverbrauchter Volkskraft zugrunde. Die Goten wurden als Eroberer
die Herren von Rom, Vandalen und Sueven nahmen von Gallien und
Spanien Besitz und plünderten ſchonungslos auch die Ewige Stadt am
Tiber. Um ihre Siege beneideten ſie andere germaniſche Stämme und
zogen auch über die Alpen nach dem ſchönen Italien, das ihnen allen als
Kampfpreis ſchwerſten Ringens wert erſchien. Als letzte Welle der großen
Völkerwanderung kamen die Langobarden aus ihren Wohnsitzen an der
Theiß und in den Karpathen nach dem Süden. Ihre öſtlichen Nachbarn in
Siebenbürgen und der Wallachei, die Gepiden, die auch einer Gruppe
gotiſch-vandaliſcher Stämme angehörten, folgten ihnen, und zwiſchen den
beiden entbrannten beständig harte Kämpfe. Im Jahr 566 gelang es dem
Langobardenkönig Alboin, untersſtütt von den tatariſchen Awaren, in
qroßer Feldſchlacht die von ihrem König Kunimund geführten Gepiden
so vernichtend zu ſchlagen, daß nur noch versprengte, zu Knechten gemachte
Häuflein übrigblieben. Kunimund wurde ersſchlagen, und Alboin ließ ſich
nach der Sitte der Sznthen aus dem Schädel des Feindes eine Trinfkſchale
anfertigen. Er glaubte nämlich nach der damals allgemein gültigen heid-
niſchen Anschauung, daß die Körperkräfte seines getöteten Gegners durch
einen Trank aus dem Schädel auf ihn selber übergehen würden. Der
ehrgeizige Langobardenfürsſt vermählte ſich Roſamunde, der Tochter des
im Kampf gefallenen Kunimund, und zog, von Byzanz gegen Feinde
des römiſchen Reiches zu Hilfe gerufen, mit seinen Heerſcharen über die
schneebedeckten Alpen in die fruchtbare Po-Ebene. Faſt ohne Schwert-
ſtreich fiel ihm Oberitalien in die Hände und trägt seitdem den Namen
Lombardei. Das von der Gotenzeit her ſtark befeſtigte Pavia wurde
belagert und eingenommen, Mailand, Verona und Mantua im Sturm
überwältigt. Seine Herrschaft, viel härter und unerträglicher als früher
die der Goten, war nicht von langer Dauer. Räuberiſche Kriegszüge
und Frevel aller Art erfüllten sie, bis der Gewalttätige ſelbſt ein
Opfer heimtückiſcher Vergewaltigung wurde. Bei einem Siegesmahl
in Verona stellte in Übermut und Trunkenheit Alboin an seine Gattin
Rosamunde das frevelhafte Verlangen, aus dem Schädel ihres Vaters
zu trinken. Die Verhöhnte richtete ſich, im Innersſten erſchauernd und
bebend vor Entrüſtung, auf, aber dann gehorchte ſie dem Befehl, im
geheimen Rache ſchwörend für die angetane Schmach. Mit Helmigis,
dem Schildträger des Königs, und einem. Jſeiner Krieger verabredete
ſie, ihren Gatten eines Tages nach genoſſenem Mahl in trunkenem
Schlaf zu ermorden. Sein Schwert band Jie in der Scheide feſt, ſo daß der
Überfallene keine Waffe zur Wehr hatte als einen Jußſchemel, den er
gegen die Eindringlinge schleuderte. Von ihren Speeren durchbohrt,
endete Alboin. Doch der Fluch der unſeligen Tat fiel auf Roſamunde
zurück. Mit ihren Helfershelfern floh ſie nach Ravenna; aber als Jie ſich
durch Gift des ihr widerlich gewordenen Buhlen und Mittäters Helmigis
entledigen wollte, zog er, am Geschmack des Trankes die Ahſsicht erratend,
das Schwert und zwang das verbrecheriſche Weib, den Reſt des Bechers
zu leeren. Beide ſtarben am gleichen Tage. H. Rd.
Indische Bartgeier streiten ſich um ein gesſtürztes Pamirwildſchaf
(S.13). – Unter den Wildſchafen, die in zahlreichen Unterarten die Hoch-
gebirge von Zentralasien bewohnen, iſt das Pamirſschaf oder der Katſch-
gar das größte. In Höhen über der Waldgrenze, in der kahlen Wildnis des
gewaltigen Hochplateaus von Tibet, bis hinauf in die Schneeregionen von
6000 Meter ist das Tier am häufigsten verbreitet. Als im dreizehnten Jahr-
hundert der berühmte Weltreiſende Marco Polo über den Pamir bis nach
China gelangte, hat er den Katſchgar im tibetiſchen Hochland in ſo großer
Zahl angetroffen, daß er berichtete, die Hirten hätten Knochen und Hörner
der erlegten Schafe als Wegweiser durch die ſchneebedeckte Einöde auf-
getürmt. Das Pamirschaf wird faſt ſo groß wie ein Hirſch; die Länge beträgt
ohne den etwa zehn Zentimeter langen Schwanz zwei Meter, die Schulter-
höhe 1,20 Meter und das Gewicht bis zu 230 Kilo. Gewaltige, von nahe
aneinander liegenden ſtarken Ringen besetzte Hörner stehen in anderthalb
Meter langer Windung seitlich an dem langgeſtreckten Kopf. Braun iſt das
dichte Fell und hat dunkle Rückenstreifen. Rings um den Hals bauſcht ſich
eine lange, wollige Mähne. In Herden bis zu dreißig und vierzig Stück
klettern diese Tiere erstaunlich behende an den ſteilen Felsabhängen umher
und springen über klaffende Spalten mit Sicherheit hinweg. Wittert der
Katschgar Gefahr, so jagt er ſcheu und ängstlich davon. Nur zur Brunftzeit
zeigt sich der Bock kühn im Kampf gegen den Nebenbuhler. Dann prallen
die harten Schädel knallend gegeneinander, und der Schall hallt an den
Felswänden wider. Zuweilen wird einer der Kämpfer über die Steinwand
hinausgedrängt, ſtürzt in die Tiefe und bleibt zerſchellt auf einer Platte lie-
gen. Da erspäht, hoch oben in den Lüften kreiſend, ein Gänſegeier die
Beute und läßt ſich mit der Leichtigkeit des Falken in vielfachen Schwen-
kungen nieder auf den noch zuckenden Körper. Über ein Meter lang und
zweieinhalb Meter breit iſt der braunbefiederte Raubvogel, der sich da
seiner Beute gewiſß; glaubt. Schon reckt er keck den ſchlanken Kopf über dem
gänseartig langen Hals, um dann den Schnabel in die Eingeweide des
verendeten Katſchgar zu stoßen, da rauſcht mit mächtigen Flügelſchläzgen
ein Bartgeier mit seinem Weibchen heran und läßt ſich in nächſter Nähe
auf einem Felsen nieder. Den Gänsegeier übertrifft dieſer Geieradler an
Größe noch um ein gutes Stück, und edler iſt ſein ganzes Aussehen. Der
große Kopf trägt einen langen, großen Schnabel, der wie ein Haken ge-
krümmt und am Grund von struppigen Borsten umgeben iſt. Mit erhobenen
Flügeln, den Schnabel weit aufsperrend, fährt der Bartgeier auf den Gegner
los, der mit geſträubtem Gefieder, den Hals eingezogen, den Schnabel
zur Abwehr geöffnet, dem Angriff ſtandhält. Plötzlich ſtreckt er den langen
Gänſsehals weit vor und ſucht dem Störenfried eins zu verſeßen. Doch dieſer
weicht geschickt aus. Nun muß ich wieder der Gänsegeier wehren; keiner
will dem anderen den Katschgar als leckeres Mahl überlaſsen, bis es endlich
zum erbitterten Kampf mit Krallen und Schnäbeln in der Luft kommt,
in dem der stärkere Bartgeier Sieger bleibt und den zerzauſten Partnen
zwingt, auf das Pamirschaf zu verzichten. é R. H.
Einer, der wirklich Tinte getrunken hat. Vor einem Menſchenalter
bereiſte der damalige Schah von Perſien die großen Staaten Europas.
Auch in Berlin empfing man den exotiſchen Würdenträger, der mit
seinem Gefolge viel Unterhaltungsstoff bot, denn es geschah allerlei, was
mit unseren landläufigen Begriffen von Anstand nicht übereinſtimmte.
Unter den zur Aufwartung des Schahs beſtimmten Beamten des Berliner
Hofes befand Jich auch der Kellermeiſter Grund, den die Perser besonders
umwarben. Die Diener des „Königs aller Könige des Erdkreiſes“ ver-
langten von Grund immer neue q,geiſtige" Genüſſe, und der Kellermeiſter
hatte oft seine liebe Not mit den durſtigen Brüdern, die alles Erdenkliche
durcheinander hinter die Binde gossen. Sooft es ging, ſuchten die Perſer
den Meiſter Grund im Keller auf, um sich an der Quelle zu laben. Eines
Tages wax ein Tintenglas, das im Weinlager auf einem Tiſch ſtand, zer-
| | Mannigfaltiges
brochen worden und man hatte in der Eile die Tinte in ein Weinglas gegossen.
Grund, der sonst an dieſem Tiſch ſchrieb, hielt sich eine Weile in einem
entlegenen Teil des Kellers auf. Als er wiederkam, ſah er einen der per-
ſiſchen Höflinge, der mit allen Zeichen des Mißbehagens ausſpuckte. Der
Mund und die Zähne des edlen „Sonnensohnes“" waren schwarz. Der
ahnungslose Perser hatte die + Tinte ausgetrunken ! N. S.
Begreifliches Hindernis. Daß den Völkern früherer Zeiten Bäume
heilig waren, dafür gibt es viele Zeugniſſe. So war bei den alten Ger-
mianen die Eiche ein besonders geheiligter Baum. Unter dem heiligen
Peepulbaum wagt kein Inder eine Lüge auszuſprechen, denn er fürchtet,
daß die Götter ihn dafür ſtrafen würden. Eines Tages wurde bekannt,
daß die engliſche Regierung des Schattens wegen in Ulwar eine Haupt-
ſtraße mit Peepulbäumen bepflanzen wollte. Darüber entſtand unter den