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Das Buch für Alle


><!:.. Heft 17

„Menschengaul" nicht verlieren wollten. Und da mit dieser wohlmeinenden
Verordnung Tausende dieser Ärmsten aller Menschen dem Hunger preis-
gegeben gewesen wären, blieb es beim alten.
Im bunten Wechsel ziehen die Bilder der Straße vorüber. Vornehme
Autos, meist amerikanischer Herkunft, von Malaien gelenkt, sausen mit
unglaublicher Sicherheit in wilder Fahrt durch das Menschengewühl.
Malaiische Polizisten in ihrer dunkelblauen Uniform, den großen braunen
Vasthut auf dem Kopfe, stehen mit dem Gummiknüttel in der Hand an den
Straßenkreuzungen wie bei uns in Europa und regeln mit großem Geschick
und Verständnis den schwierigen Verkehr, so daß er sich reibungslos ab-
spielt. Es wird links ausgewichen, und die Eingeborenen halten ihre Fahr-
seite besser ein und achten auf Autosignale prompter und williger als
unsere heimatlichen, den Autoverkehr gerne sabotierenden Wagenlenker.
Und wahrlich, es ist ein Kunststück, den Verkehr aller dieser sich in engen
Straßen oft stauenden verschiedenartigen Fuhrwerke in Fluß zu halten.
Ungeduldige Autos, von Buckelochsen gezogene Eingeborenenkarren mit
dem tonnenartig überwölbten, bastgeflochtenen hohen Dach, Sados, die
vom Führersitz aus mit einer Fußglocke ihren melodischen Warnungsruf
ertönen lassen, unzählige Rikschas und ein Schwarm von Fußvolk und
Reitern drängen sich beängstigend in den Gassen. An der Ecke der Hindo-
straat und Moscheestraat steht ein wanderndes chinesisches Restaurant. Der
runzlige Chinesenwirt schlägt zwei Messingplatten gegeneinander und
schreit „Makan, Makan!" (Essen, Essen!). Dann nimmt er sein an starker
Vambusstange wippendes und in zwei Gestellen untergebrachtes Restau-
rant mit allen möglichen und unmöglichen verdächtig ausschauenden Lecker-
bissen auf die Schulter und eilt mit seinem zum Essen einladenden Lockruf
trippelnden Ganges durch die Menge. Solche chinesischen oder javanischen
Garküchen sind im Eingeborenenviertel allerorten anzutreffen. Ihr Ge-
ruch vermischt sich mit dem Duft von Menschenschweiß, von Durianfrüchten
und den ganzen Ausdünstungen einer fremdartigen Welt,- hier in der Hindo-
straat atmet man den Extrakt dieses Zweifelhaften Odeurs ein.
Ein Lurusauto mit einer Ladung weißgekleideter Pflanzer windet sich
mit Anstrengung durch die Straße zum Delier Bioskop, dem Filmpalast. Ein
knochiger, gelber, verschrumpfter Chinese, nur mit ein paar kurzen Hosen
angetan, sonst nackt, trägt an einer Stange über der Schulter an ihrem
einen Ende einige rostige Kneifzangen, am andern auf eine Schnur ge-
reiht ein Bündel hohler Zähne und preist sich als Zahnarzt an. Ein Malaien-
mädchen im buntgebatikten Sarong, mit einem Kabayajäckchen aus Musse-
lin und einem leichten Seidenschal auf dem Kopfe, um ihre feinen braunen
Knöchel schwere, massive Goldreifen, schreitet stolzen Ganges anmutig an
mir vorüber, ihre großen dunklen Augen locken geheimnisvoll und sinnlich
herausfordernd.
Söhne des wilden Batakerstammes tauchen im Gewimmel der Straßen
auf. Es sind Abkömmlinge von Menschenfressern, von untersetzter Gestalt
mit blutroten, siritriefenden Lippen, im Gürtel ein langes Messer mit
schön verzierter Scheide. Chinesenfrauen und -Mädchen, die Gesichter bunt-
geschminkt, in schwarzen seidenen Hosen und Jacken, trippeln auf kleinen,
in perlengestickten Pantöffelchen steckenden Füßen, an denen dicke goldene
Fußspangen klirren, eilig über den Weg, irgend einem Laden zustrebend.
Ihre mandelförmigen, geschlitzten Augen bergen alle Geheimnisse des
Ostens, ihr pechschwarzes, nach hinten glattgescheiteltes und zu einem
Knoten geschürztes Haar trägt reiches Geschmeide. Ihre graziöse kindliche
Figur in Verbindung mit dem süßen Liebreiz ihres mongolischen Gesichts-
schnittes erinnert mich an die Lieder eines Li-Tai-Po. Auf der großen
freien Rasenfläche im Zentrum der Stadt hat die Opera-Gesellschaft
Malakka ihr Zirkusähnliches Zelt aufgeschlagen und kündigt in malaiischer
Sprache für den Abend ihre Vorstellungen an, wobei dem Wayang-Orang-
Spiel und javanischen Tänzen die Hauptrolle zufällt. Aus dem Hotelde Boer
dringen die erotischen Weisen einer Jazzband, der man im Schatten
riesiger Waringinbäume zum Fünfuhrtee lauschen kann.
Das Europäerviertel macht den Eindruck von Reichtum und Vornehm-
heit. An breiten schattigen Alleen von Kanaribäumen liegen reizende, im

Stil dem Charakter des heißen Klimas angepaßte Europäerbungalos, von
englisch gehaltenen Rasenplätzen, herrlichen Palmgruppen und farben-
prächtigen Blumenbeeten umgeben. Sträucher und Gestrüpp werden hier
ängstlich vermieden, um den Moskitos keine Brutstätte für ihre Larven zu
bieten. Die soliden, oft mit großem Geschmack gebauten Villen stehen zum
Schuhe gegen die Bodenfeuchtigkeit, Ungeziefer und Schlangen durchweg
auf kurzen Steinsäulen. Sie sind daher nicht unterkellert und haben über-
deckte Veranden. Geflochtene grüne Matten schützen vor der Sonnenglut;
sie werden des Abends hochgezogen, und schöne bunte Lampen geben
dann diesen europäischen Behausungen einen anheimelnden Reiz. Wohl
die herrlichsten Besitzungen befinden sich in der Manggalaanstraat.
Die Wohnräume der Hotels und Pensionen sind meist in einem ein-
oder Zweistöckigen Bau um das Haupthaus mit seinen Gesellschafts- und
Speiseräumen herumgeführt, oft sind sie in einzelne kleine Villen für je eine
Familie abgetrennt. Jedes Wohnzimmer hat eine gedeckte, eingebaute, nach
vorne offene Veranda, die Wohnzwecken dient. Dahinter liegt der Schlaf-
raum mit anschließendem Vadekabinett, das jedoch in ganz Niederländisch-
Jndien keine Badewanne besitzt, sondern nur ein kleines, meist quadrati-
sches, mit Steinplatten ausgelegtes Becken für Fußbäder und eine Dusche
nebst einer Schöpfkelle, mit der der Holländer sich übergießt. Der Bettraum
im Schlafzimmer ist mittels eines feinmaschigen Drahtgitters oder Moskito-
netzes gegen Stechmücken, Ungeziefer und Eidechsen geschützt, welch letztere
man gerne zum Schuhe gegen das lästige Ungeziefer hält. Auch findet man
in jedem der riesigen quadratischen Betten, in denen zur Not eine ganze
Familie Platz finden könnte, stets das „Hollandweibchen" — der Leser er-
schrecke nicht—, nämlich eine lange mit Kapok gefüllte, ziemlich harte Rolle,
mit der man in Ermanglung von etwas Besserem ins Traumland versinkt.
Medan ist der Hauptort der Tabakausfuhr Sumatras. Durch die reichen
Tabakpflanzer fließt natürlich viel Gold nach Medan, in dessen erstklassigen
Hotels es bei den regelmäßigen allmonatlichen Zusammenkünften der
Pflanzer oft hoch hergehen soll. So erzählte mir im Hotel Medan, wo ich
im schattigen Garten beim eisgekühlten Gin-Sling den von einer ausgezeich-
neten Kapelle gespielten Klängen des Adagio aus der 8onuvs patlwtiquo
von Beethoven lauschte, der Mandur des Hotels allerhand Geschichten von
gelegentlichen alkoholischen Exzessen, bei denen es vorkommt, daß die
Herren Pflanzer in ihrem Übermut sogar mit ihren Rikschas ohne Rücksicht
auf die gedeckten Tische bis in den Speisesaal hineinfahren, und wo im
wüsten Zechgelage die großen Spiegelscheiben des Saales mit leeren Sekt-
flaschen eingeworfen werden. Die reichen Pflanzer können sich offenbar
derartige wenig schöne Scherze leisten.
Das Bild in einem solchen erstklassigen Hotel beim Diner, das aus zwölf
Gängen zu bestehen pflegt, ist recht elegant. Die Herren alle im blendend-
weißen Tropenanzug oder kurzen Abendjackett mit kleinem schwarzem
Schlips, plissiertem weichem Hemd und schwarzen oder braunen, des Abends
beileibe nicht weißen Schuhen. Die Damen, darunter auch Mischlinge,
meist von wenig blühender, durch den Tropenaufenthalt gelblich blasser
Gesichtsfarbe, in großer, stark dekolletierter Abendtoilette. Dazwischen un-
zählige eingeborene Jonges, in der landesüblichen Tracht auf nackten
Sohlen lautlos bedienend. Eine moderne, vorzügliche Jazzmusik mit
Saxophon und Banjo liefert die Tafel- und Tanzmusik in der kühlen, mit
Steinfliesen belegten großen Veranda. Getanzt wird hier — trotz der
schwülen Hitze — mit derselben Leidenschaft und Hingebung wie in der
ganzen Welt.
Beinahe könnte man bei diesen europäischen Kulturgenüssen vergessen,
daß in den nahen Bergen noch alle Arten von wilden Tieren Hausen und
daß daselbst noch Menschen leben, unter denen der Kannibalismus kaum
verschwunden ist. Welche Gegensätze! Die Wälder bergen noch Elefanten,
Tiger, Nashörner, Bären, Orang-Utans, Moschushirsche, Bergantilopen,
Wildschweine und viele andere Tierarten, die Flüsse sind bevölkert mit
Krokodilen. Im schwer zugänglichen tiefsten Urwald lebt noch ein primi-
tives Zwergvolk, die Kubus, baumbewohnende Waldmenschen. Und an
dessen Grenzen tanzt der Kulturmensch zur Jazzmusik.


Das als Topfpflanze allgemein bekannte Alpenveilchen erzeugt ein Gift,
das eigentümlicherweise dem Gift der ostindischen Brillenschlange außer-
ordentlich ähnlich ist.
A
Der Schierling enthält eine sehr giftige Substanz, das sogenannte
Koniin. Im Altertum mußten die zum Tode Verurteilten Schierlingssaft
trinken (zum Beispiel Sokrates). Dieser Saft hat nämlich eine ganz eigen-
tümliche Wirkung. Er lähmt den ganzen Körper, und zwar beginnt die
Lähmung an den Beinen, schreitet dann nach oben fort, ergreift die Arme
und lähmt auch das Zwerchfell, wodurch dann Atemstillstand und Er-
stickungstod eintritt, während das Bewußtsein noch völlig erhalten ist.

Ein dem Schierlingssaft ganz ähnliches Gift gewinnt man aus dem
gelben Jasmin, der in Nordamerika seine Heimat hat, aber auch bei uns
oft als Gartenstrauch angepflanzt wird. Es ist das Gelseminin, das wie das
Koniin wirkt, außerdem die Pupillen verengert, also dem Atropin gleicht.
Aus dem weitverbreiteten Fingerhut (OiZitulis xurpnrsa) gewinnt der
Apotheker das Digitalin, das der Arzt in den verschiedensten Fällen von
Herzschwäche zur Belebung des Blutkreislaufes sehr viel verwendet.
Eigentümlich ist, daß die Kröten auf ihrer Haut — die tropischen Kröten
sogar in ihrer Ohrspeicheldrüse — ein dem Digitalin außerordentlich ähn-
liches Gift absondern.
 
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