Buchner, Ernst; Jantzen, Hans [Honoree]
Das deutsche Bildnis der Spätgotik und der frühen Dürerzeit: [Hans Jantzen zum 70. Geburtstag] — Berlin, 1953

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fliegendem Haar kauert auf dem Löwen und reißt ihm mit festem Griff den Rachen auf, eine Gestalt
von prachtvoller Frische und Unmittelbarkeit. Von ihr geht ein Hoffnungsstrahl aus, der vielleicht das
Dunkel über den Meister des Bildnisses lichten kann. Er fällt auf das größte Holzschnitzwerk des han-
seatischen Nordens, die Lübecker Bibel von 1494. Ich denke etwa an die spannungsgeladene Gruppe
von Kains Brudermord, wo Adams gelöstes Haar ähnlich aufflackert wie beim Simson, oder den zusam-
mengepackt knienden Pfannenhalter auf der Jugend Mose, der in der geschlossenen Wucht der Bewegung
unwillkürlich an den Simson erinnert, oder an den Studenten des Totentanzes, der eine ähnliche Mütze
trägt. Zeitliche Schwierigkeiten erheben sich nicht gegen einen Zusammenhang. Das Bildnis ist schon
aus kostümlichen Gründen (Mütze mit Schnürlein, Halsgeschnür) etwa um 1490 anzusetzen, die Holz-
schnitte des großen Unbekannten sind 1489 („des dodes dantz“) und 1494 (Lübecker Bibel) erschienen.
Eins ist der Bildnistafel und den Holzschnitten gemeinsam: Sie stehen einsam in der sie umgebenden
lübischen und hanseatischen Kunst.

Bekanntlich finden wir die Spuren des Hauptmeisters der Lübecker Bibel 1493 in Lyon wieder. In die-
sem Zusammenhang ist der Hinweis auf das Auffreten von Wandfiguren in französischen Bildnissen
(Meister von Saint-Jean-de Luz, Bildnisse des Hugues de Rabutin und der Jeanne de Montaigu, New
York, Slg. Rockefeller) von Interesse.

29. MEISTER DES HALEPAGENALTARS, Bildnis eines alten Mannes.

Schon ins beginnende 16. Jahrhundert gehören die beiden wuchtigen Bildnisse des handfesten Meisters
des Halepagenaltars, der Alte mit dem aufgeschlagenen Buch (Berliner Kunsthandel 1931) (Abb. 29) und
das betende Ehepaar im Roseliushaus (Abb.203J. Doch wurzelt der Meister noch fest im 15. Jahrhundert,
so daß seine Bildnisse in das Corpus gehören. Knapp ist der schwere, breitschädelige Alte in das quadra-
tische Bildfeld gefügt. Die Asymmetrie der Schulterschrägen wirkt aktivierend. Das graurosa Antlitz
wird von der schlichten, dunklen Pelzkappe, dem schwarzen Wams und dem Olivgrün des Grundes ge-
faßt. Fest halten die wie aus Holz geschnittenen Hände mit den parallel gelagerten Fingern das krapp-
rote Buch (gelber Schnitt). Die grauschwarze Schaube ist mit braunem Pelz belegt. Zierlich kräuseln sich
die Silberlocken und lassen das fleischige Ohrläppchen und den stämmigen Hals frei. Die rechte Hand
ist so abrupt abgeschnitten, daß man unwillkürlich an eine Verkürzung der Tafel oder an ein Bild-
fragment denken möchte. Doch spricht die Konfiguration der Hände gegen einen Ausschnitt aus einem
größeren Ganzen. Der breite Kopf mit den ungleich sitzenden Augen, dem fest geschlossenen Mund mit
der schmalen Ober-, der angezogenen breiten Unterlippe und dem trotz des Alters noch festen Fleisch
kehrt in einer jedes Bedenken ausschließenden Verwandtschaft als Haupt des heiligen Hieronymus auf
der Außenseite des rechten Flügels des Halepagenaltars wieder. Nur ist dort in Berechnung der Fern-
wirkung das Antlitz noch fester und linearer durchgeformt. Daß der rüstige Alte auf dem Altarflügel
als heiliger Hieronymus, der als Schutzherr der theologischen Wissenschaff und Bibelübersetzer bei den
Schriffbeflissenen das größte Ansehen genoß, auf dem Bildnis mit dem offenen Buch in den Händen
konterfeit ist, läßt Rückschlüsse auf die Persönlichkeit des Dargestellten zu. Ob Kleriker oder nicht —
das auszumachen fehlt die rechte Handhabe — ein Beflissener des göttlichen Worts war er sicher.

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