Buchner, Ernst; Jantzen, Hans [Honoree]
Das deutsche Bildnis der Spätgotik und der frühen Dürerzeit: [Hans Jantzen zum 70. Geburtstag] — Berlin, 1953

Page: 171
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nissen einzureihen, so eng scheint es mit der Welt der
sittenbildlichen Minneszenen, wie sie vor allem der Mei-
ster E S und der Hausbuchmeister geschaffen haben,
verbunden. Aber die grausige, schonungslos krasseRück-
seite der Tafel (abgesägt, Museum in Straßburg, Text-
abb. 45), welche das blühende Paar als stehende, in Ver-
wesung übergegangene Leichname zeigt, spricht für ein
Braut- oder Hochzeitsbild. Erst in jüngster Zeit ist unter
märchenhaft anmutenden Umständen ein annähernd
gleichzeitig entstandenes Hochzeits'bild (Abb. 196) an
das Tageslicht getreten, über dessen Porträtcharakter
kein Zweifel bestehen kann und das ursprünglich auf
der Rücks'eite ebenfalls zwei „lebende“ Tote zeigte
(Textabb. 46). Am Tag, der zwei Menschen fürs Leben
verbindet, ist zugleich der Gedanke an den Tod leben-
dig und in seiner Furchtbarkeit gegenwärtig. Vorder-
und Rückseite einer Tafel offenbaren die Tag- und
Nachtseite des Lebens.

Das in der Regel für die Mutter Gottes’ reservierte Mo-
tiv des Blütenhags ist hier als köstlich frische Folie für
ein weltlichesBrautpaar sinnvoll säkularisiert. Vor einer
dichten, blühenden Hecke steht das junge Brautpaar auf
blumigem Anger. Sie anmutig, noch kindlich-mädchen-
haft, er mit gespannten, etwas scharfen Zügen. Sie hält
züchtig das lange, in schönen Falten fallende Gewand
mit der Linken über den Leib gerafft und empfängt mit
der Rechten den Blütenzweig, den ihr der vornehm
und schmuck gekleidete Bräutigam, der die Liebste zart
mit der Rechten umfaßt, darreicht. Die Begegnung der
Hände zart, zurückhaltend, fast schüchtern. Die Blicke
treffen sich nicht. Sie trägt ein doppeltes Perlenkränzlein auf dem offenen, lang niederrieselnden Haar,
seine Locken quert eine Kordel, aus' der vorq eine Blume sprießt. Zu dem oben knapp anliegenden, die
junge Brust markierenden, nach unten weit und in langgezogenen Falten sich ergießenden Gewand der
Braut steht das modisch knappe, farbig gehälftete Kostüm („mi parti“) des Bräutigams, dessen zierliche
linke Wade mit einer perlenbesetzten Borte geschmückt ist, in belebendem Kontrast. Die Farben der wei-
chen, spitzen Schuhe sind den Beinlingen angeglichen. Auffallend ist es, daß bei so verschiedenem Kostüm
die linken Ärmel der Beiden annähernd gleichen Stoff (dunkler, blumig gemusterter Damast) zeigen.

Auf der Wiese wachsen Blumen (u. a. Löwenmaul, Schlüsselblume, Hahnenfuß) zwischen saftigen Gräsern.
Darüber folgt nach einem beschatteten Intervall dichtbuschiges blühendes Gesträuch, dann wieaer die
dunkle Zone der im Dämmer liegenden Stämmchen. Um die Köpfe der Liebenden aber sprießt und
knospet der dichte Blütenhag. Ob es, wie man vermutet hat, blühende Kirschen- oder Apfelbäumchen
sind, ist schwer zu entscheiden.

Es darf als sicher gelten, daß die Szene von graphischen Blättern angeregt worden ist. Am nächsten ver-

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