Büttner, Nils
Die Erfindung der Landschaft: Kosmographie und Landschaftskunst im Zeitalter Bruegels — Göttingen, 2000

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Antwerpen als Markt
für Landschaftsdarstellungen

Um die Mitte des 16. Jahrhunderts war Antwerpen, trotz der schweren Finanz-
krise von 1551, die reichste und vielleicht bedeutendste Stadt Europas.' Wie Lo-
dovico Guicciardini (1523-1589) in seiner »Descrittione di tutti paesi bassi« vol-
ler Bewunderung zu berichten weiß, standen dort 13.500 Häuser, in denen mehr
als hunderttausend Menschen lebten.2 Mag man die Verläßlichkeit dieser Quel-
le auch in Zweifel ziehen, da doch Rom - die »Hauptstadt der Welt« - zu die-
ser Zeit nur etwa halb so viele Einwohner hatte, so wird Guicciardinis Aussage
doch von anderer Seite bestätigt: Bei einer offiziellen Volkszählung wurden im
Oktober des Jahres 1568 genau 104.981 Menschen gezählt.3

Die Reisenden jener Tage waren nicht allein von der Größe, sondern auch
vom Reichtum dieser Stadt geblendet. Als »Metropole der Welt« beschrieb sie
1552 ein spanischer Edelmann, und 1609 weiß Matthias Quad zu berichten, daß
etwas das »in Antwerp nit zu finden oder zusehen war, het man auch sehr
schwerlich zu Venedig, Nurenberg, ja Franckfurt in der Messen finden oder zu
wegen bringen kunnen.«4

Antwerpen war in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts das Zentrum der
niederländischen Buchproduktion. Mehr als die Hälfte aller bis zum Jahr 1540
erschienen Bücher wurde hier gedruckt.5 Im Jahre 1548 kam zum Beispiel der
Drucker Christoph Plantin aus Lyon in die Scheidestadt, da »kein Ort auf der
Welt für den Handel, den er ausüben wollte, geeigneter war und mehr An-
nehmlichkeiten bot.6 Die ökonomische Blüte Antwerpens konnte auch für die
künstlerische Aktivität nicht ohne Folgen bleiben.7 Die Stadt wurde zu einem
Zentrum der bildenden Künste, so daß van Mander 1604 schreiben sollte, daß
»Antwerpen,diese hochberühmte Stadt, (...) gleichwie Florenz in Italien, in un-
seren Niederlanden eine Mutter der Künste zu sein scheint«.8 Die Gründe dafür
versucht er dann an anderer Stelle anzugeben. So heißt es, die Vita des Joachim
Patinir von Dinant einleitend, daß »die berühmte und herrliche Stadt Antwer-
pen (...) von überallher die bedeutendsten Vertreter unserer Kunst angelockt
[hat], die sich in großer Anzahl auch deswegen dorthin begeben haben, weil die
Kunst sich gerne in der Nähe des Reichtums aufhält.«9
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