Büttner, Nils
Die Erfindung der Landschaft: Kosmographie und Landschaftskunst im Zeitalter Bruegels — Göttingen, 2000

Page: 47
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/buettner2000/0048
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Kosmographie im Zeitalter Bruegels

»Eines Tages - ich hatte gerade in der wunderschönen und vielbesuchten Frau-
enkirche an der Messe teilgenommen und wollte von dort nach Hause gehen -
sah ich ihn zufällig mit einem Fremden sprechen, einem älteren Mann mit son-
nenverbranntem Antlitz, stattlichem Vollbart und nachlässig über die Schulter
geworfenem Umhang, nach Aussehen und Kleidung zu urteilen einem Seemann.
Kaum hatte mich Peter erblickt, so trat er grüßend hinzu, ließ mir kaum Zeit
zur Antwort und fragte, mich ein wenig beiseite führend: >Siehst du den da?<
und deutete auf seinen Partner. >Gerade eben wollte ich ihn zu dir bringen.< -
>Er wäre mir sehr willkommen gewesen - deinetwegen.< - >Bewahre,< sagte er,
seinetwegen; wenn du ihn nur schon kenntest! Es gibt heute niemanden auf
der ganzen Welt, der dir so viel von fremden, unbekannten Menschen und Län-
dern erzählen könnte, und ich weiß doch, du liebst sehr solche Geschichten^«1

Mit dieser Begegnung vor der Kathedrale von Antwerpen leitete Thomas
Morus (1477/78-1535) seinen 1516 in Löwen erschienenen Roman »Utopia«
ein. Der daraus sich entspinnende Dialog schildert bloße Fiktion.2 Das Ge-
spräch, das Morus in Gegenwart seines Freundes Petrus Aegidius mit dem wei-
sen Portugiesen Raphael Hythlodeus, einem angeblich weitgereisten Begleiter
des Amerigo Vespucci, geführt zu haben vorgibt, ist reine Erfindung. Dennoch
mögen sich derartige Begegnungen zwischen Humanisten und Teilnehmern der
Entdeckungsfahrten jener Tage tatsächlich zugetragen haben.3

Die neuen Entdeckungen waren von immenser geistes- und ideengeschicht-
licher Bedeutung, denn die Seefahrer jener Tage hatten, innerhalb eines Zeit-
raums von nicht einmal hundert Jahren, die geographischen Kenntnisse in ei-
ner Weise erweitert, die in ihren Ausmaßen ohnegleichen ist. Der Horizont
menschlicher Wahrnehmung und Erfahrung, ja der gesamten sichtbaren Welt,
hatte sich in alle Richtungen ausgedehnt.4 Die Portugiesen waren entlang der
Westküste Afrikas nach Indien gelangt, und man begann gerade zu realisieren,
daß es sich bei dem von Columbus entdeckten Land im Westen nicht um die
Küsten Indiens handelte. Erst die Expedition Fernäo de Magelhäes (um 1480-
1521), die 1519 mit fünf Schiffen von Spanien aufgebrochen war, die neue Welt
loading ...