Büttner, Nils
Die Erfindung der Landschaft: Kosmographie und Landschaftskunst im Zeitalter Bruegels — Göttingen, 2000

Page: 116
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Chroniken und Weltbeschreibungen

Reiseführer, Reisebeschreibungen, erlebte oder erdachte Geschichten über frem-
de Völker und ferne Weltgegenden sind ein so altes wie beliebtes Genre der Li-
teratur. Pomponius Melas »De situ orbis« mag hier exemplarisch für die antike
Form der Gattung stehen.1 Denn tatsächlich waren es wohl weniger Melas Be-
schreibungen der »recht komplizierten Anordnung« der Regionen des Erdkrei-
ses als vielmehr seine teils phantastischen Schilderungen von Wundern und Ge-
genwelten, die dafür gesorgt haben, daß seinem Buch ein dauerhafter Erfolg
beschieden war.2 Über besondere Tiere wie Flußpferde und Krokodile, Tiger,
Riesenameisen, Fische ohne Gräten, aber auch Monstren mit todbringendem
Blick und Vögel, die ihre Federn abschießen, informierte er seine Leser genau-
so wie über Sitten und Kleidung fremder Völker. So weiß er zu berichten, daß
manche völlig nackt seien, andere überall bemalt, wieder andere seien überall
behaart oder hätten nur ein Auge, seien kahlköpfig oder pferdefüßig, seien oh-
ne Mund oder gar Kopf.3

Auch im Mittelalter erfreuten sich derartige Schilderungen, erfundene und
erlebte Berichte von Reisen und Pilgerfahrten, größter Beliebtheit.4 Als Beispiel
für ein mittelalterliches Reisebuch sei an die »Mirabilia Urbis Romae« erinnert,
einen der ältesten Pilgerführer, der auch als Blockbuch gedruckt wurde.5 Der
vielleicht bedeutendste Reisebericht der Inkunabelzeit war am 11. Februar des
Jahres 1486 in Mainz erschienen.6 Das in Folio gedruckte und mit Holzschnit-
ten illustrierte Werk berichtet von Breydenbachs »Peregrinatio in terram sanc-
tam« - einer Pilgerfahrt in das Heilige Land.7 Bernhard von Breydenbach (um
1440-1497) entstammte einem oberhessischen Rittergeschlecht und war, nach
dem Studium der Theologie und der Rechte, Mitglied des Mainzer Domkapi-
tels geworden und nach dem Jahr 1477 zum Kämmerer des Erzbischofs aufge-
stiegen.8 Im Rahmen dieser Tätigkeit lernte er den jungen Grafen Johann zu
Solms-Lich (1464-1483) kennen, mit dem er den Entschluß faßte, eine Reise
ins Heilige Land zu unternehmen. Gemeinsam mit dem Ritter Philipp von
Bicken, einem Amtmann des gräflichen Hauses, brachen die beiden im Früh-
jahr 1483 aus Mainz auf.9 Die drei adeligen Pilger reisten standesgemäß: »vn-
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